CDs in Buchform: Wertig ist das Wort - DER SPIEGEL
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CDs in Buchform Wertig ist das Wort

Während Musik-CD-Verkäufe rückläufig sind, boomt das literarische Hörbuch. Der Anbieter "earbooks" stellt sich auf den gewandelten Markt ein und produziert großformatige Bücher mit passender Musikbeigabe. Verpackung und Design sollen die CD retten - das funktioniert sogar bei einem Saison-Oldie wie Bachs "Weihnachtsoratorium".
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Hören, Sehen und sich gut dabei fühlen: Image ist alles, auch beim Kulturkonsum. Die Faszination der Compact Disc, einst als Nonplusultra des Musikgenusses gepriesen, hielt nur kurze Zeit. Brüchige, kratzanfällige Verpackungen, die zudem noch unter dem lächerlich euphemistischen Namen "Jewelbox" daherkamen, pflasterten den Weg nach unten, den die schillernden Scheiben inzwischen weltweit genommen haben.

Demgegenüber zeigt der aktuelle und beständige Erfolg der Film- und Audio-DVDs vor allem eines: Mit Service, vergrößertem Angebot und wertiger Verpackung lässt sich beim Käufer einiges bewegen. Das sagte sich auch der Anbieter "earbooks", der ausgerechnet vom altehrwürdigen Buch den ersehnten positiven Image-Transfer für die schwächelnde CD beziehen will.

Die Macher von "earbooks", die im Klassik-Department der Hamburger Plattenfirma edel sitzen, kümmern sich dabei weniger um Spezialisten, sondern um den abhanden gekommenen Gelegenheitskäufer. Mit schöner Optik und gefälligem Inhalt visierten sie zielsicher ein Mainstream-Publikum an und starteten mit populären Themen wie Autos, Venedig oder Kuba, zu denen sich visuelle Umsetzungen ebenso leicht finden ließen wie die passende Musik. Das tönende Coffetable-Book im vergrößerten, quadratischen CD-Format machte aus dem schlichten Tonträger ein Objekt, das Wort, Bild und Klang vereinen sollte.

Verkaufen will man im noch halbwegs intakten Buchhandel, zumal die Tonträgergeschäfte bekanntlich schwer angeschlagen sind. Immerhin vier CDs stecken in jedem 100-seitigen Folianten - bei einem angestrebten Ladenpreis von 30 Euro kein schlechtes Angebot. Venedig beispielsweise, im milden Weichzeichner-Licht von Erotik-Veteran David Hamilton abgelichtet, dazu Populär-Klassik von Vivaldi bis Mahler: Das kann man unbesorgt verschenken.

Jetzt erschien pünktlich zum Fest Johann Sebastian Bachs "Weihnachtsoratorium", das die meisten Interessierten wahrscheinlich längst in ihrer Sammlung haben - nur eben nicht mit dem wahrscheinlich dicksten CD-Booklet der Welt. Mit musikwissenschaftlichen Abhandlungen wollten die smarten Ohrbuchhändler dabei erst gar nicht auftrumpfen; stattdessen setzte man auf dekorative Gemälde aus Barock und Renaissance sowie auf den Text der Heiligen Geschichte.

"Wertig" ist das rechte Wort für diese Darreichungsform zeitlos großer Kunst, und die Idee, ganz einfach die CD-Verpackung auf Adventstischgröße aufzublasen, bestätigt sich als gelungener Marketing-Kniff. Wenn schon die Musik den Käufern immer weniger wert ist, so muss die Aufmachung dies wieder wettmachen. Während man durch die Gemälde-Abbildungen von Sandro Botticelli, Fra Angelico oder Stephan Lochner blättert, die Oratorientexte liest und dabei vielleicht am Spekulatius knabbert, gewinnt man ein neues - pardon, altes - Verhältnis zum Tonträger. Da ist Downloaden dann doch nicht ganz dasselbe.

Die Aufnahme des Weihnachtsoratoriums selbst ist zwar bereits 30 Jahre alt (aufgenommen 1974/75 in der Lukaskirche in Dresden), präsentiert aber über drei CDs hervorragende Stimmen wie Arleen Auger, Theo Adam und Peter Schreier auf dem Zenith ihrer Karriere. Dazu singt der Dresdner Kreuzchor unter der Leitung des damaligen Kantors Martin Flämig, der von 1971 bis 1991 den berühmten Chor betreute. Als vierte CD gehören Aufnahmen von drei Weihnachtskantaten zum Festtags-Package, das zwar keine Entdeckung verspricht, aber immerhin ein risikoloses Geschenk mit echten Hits von Johann Sebastian Bach bietet, noch dazu in tadelloser Interpretation.

Wenn man sich erinnert, wie viel optische Kreativität und Gestaltungsaufwand bereits an winzige CD-Folder verschwendet wurden, so ist die Form des "earbooks" eine ansprechende Alternative.