Chart-Debakel: "Manipulation ist nicht allgemeine Praxis" - DER SPIEGEL
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Chart-Debakel "Manipulation ist nicht allgemeine Praxis"

"David Brandes verdient Respekt", sagt Tim Renner, ehemaliger Deutschland-Chef von Universal Music. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über den Vorwurf der Chart-Manipulation gegen Gracias Produzenten, die Schwierigkeiten, das deutsche Hitparaden-System zu beeinflussen, und die generelle Aussagekraft der Single-Charts.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Herr Renner, wie bewerten Sie die Affäre um die vermeintliche Manipulation der deutschen Single-Charts durch den Gracia-Produzenten David Brandes?

Renner: Ich muss ihm zuerst meinen Respekt zollen. Es ist sehr schwer, das System logistisch auszutricksen. Aber warum der Aufwand für so wenig Lohn? Die Single-Verkäufe sind in den Keller gestürzt, Singles spielen im Gesamtmarkt eine zunehmend irrelevante Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Wenn es allgemeine Praxis ist, die Charts durch gezielte Käufe zu beeinflussen, wie Herr Brandes sich verteidigt, warum wird es dann erst jetzt geahndet?

Renner: Das ist nicht allgemeine Praxis! Die Charts sind ein Marketingmittel, die Konzerne haben gar kein Interesse daran, mit manipulierten Zahlen zu arbeiten. Sie brauchen sichere, glaubwürdige Charts. Deshalb wurde die Ermittlungspraxis in den neunziger Jahren umgestellt - weg vom Tippen durch Händler hin zum elektronischen Barcode. Zudem reden wir von einem sehr komplexen System. Einzelne Händler und Regionen werden in der Wertung für die Charts herauf oder herabgewichtet, atypische Abverkaufskurven überwacht, Abverkaufsmeldungen per Zufallsgenerator gewertet oder auch nicht - das effektiv zu manipulieren ist sehr aufwendig.

SPIEGEL ONLINE: Was bilden die Single-Charts denn überhaupt noch ab, wenn Produzenten oder Manager ganze Kontingente aufkaufen?

Renner: Das Grundproblem ist klar: Je geringer der Abverkauf wird, desto uninteressanter und unsicherer werden die Single-Charts. Für die Branche stellt das ein Problem dar. Sie hat in der Vergangenheit versucht, sie zu stabilisieren und aufzuwerten, in dem man Radio-Einsätze in die Auswertung aufgenommen hat. Ich halte das für keine gute Lösung.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Renner: Radio funktioniert über Meinungsforschung. Was gesendet wird, ist der kleinste gemeinsame Nenner. Airplay bedeutet: Was läuft im Hintergrund. Das kann kein Abbild sein.

SPIEGEL ONLINE: Wer braucht denn die Single-Charts noch?

Renner: Sie sind wichtig für Menschen, die wissen wollen, was in einem Teenie-Markt läuft.

SPIEGEL ONLINE: Also für Menschen aus der Musik-Industrie?

Renner: Ja, oder für Menschen, die ein Jugendprogramm wie beispielsweise die Playlist für Viva oder eines Teenager-Formatradios zusammenstellen.

SPIEGEL ONLINE: Wir reden über die Manipulation der Single-Charts. Wie sähe es aus, wenn der Album-Markt manipuliert werden würde?

Renner: Das ist zu teuer. Ein Album kostet das Dreifache.

SPIEGEL ONLINE: Aber steht uns das nicht angesichts sinkender Album-Umsätze auch bald bevor?

Renner: Ich glaube, der Album-Markt ist trotzdem zu groß, um manipulierbar zu sein. Die damit verbundenen Kosten lassen mich nicht vermuten, dass das in absehbarer Zukunft der Fall sein wird.

SPIEGEL ONLINE: Welche Aussichten hat Herr Brandes jetzt in der Branche?

Renner: Er wird eine Zukunft haben. Zu Recht: Seine Fähigkeiten als Produzent werden nicht mit kaufmännischen Machenschaften gegen gerechnet. Er wird weiterhin seine Songs verkaufen, aber seine Partner werden ihm jetzt mehr auf die Finger schauen.

Das Interview führte Ulf Lippitz


Tim Renner, 40, gilt als Wunderkind der Musikbranche. Als Chef des Polydor-Labels Motor Music entdeckte er in den neunziger Jahren deutsche Bands wie Rammstein und Element of Crime. Im Januar 2004 trat er als Deutschland-Chef des Musikkonzerns Universal zurück und betreibt heute in Berlin den Radiosender Motor FM.



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