"Chicago 2018" Die Welt, wie sie sein sollte
"New York spiegelt die Welt, wie sie ist", sagt Sam Prekop von der Band The Sea And Cake. "Chicago spiegelt die Welt, wie sie sein sollte." Jetzt soll also Chicago, die Stadt an den großen Seen im Mittelwesten von Amerika, die neue Hauptstadt der Popmusik sein. Weil Pop seit jeher Metropolen braucht. Weil es ganz gut ist, einen Ort zu kennen, der mit einer Musikrichtung verbunden werden kann wie Swing mit New York, Country mit Nashville, Trip-Hop mit Bristol oder Grunge mit Seattle. Chicago ist Post Rock, und Post Rock ist - nun ja, genau weiß das niemand. Es ist ein Begriff, der in zwei Worte zu fassen versucht, was in Chicago passiert.
Ein Sampler kann, wenn er mehr ist als "Kuschelrock 13" oder "Die Achtziger: So waren wir", Verwirrungen lindern. Denn wie sonst soll sich der Mensch im Chaos der Postpostpostmoderne zurechtfinden. Zumal wenn die Sache an sich schon so schwer zu erklären ist wie Post-Rock, Chicago und Gruppen, die Toe 2000 oder Isotope 217 heißen. "Chicago 2018... It's Gonna Change", das ist so ein Sampler, der nützlicher ist als das Raunen der Eingeweihten im öffentlich-rechtlichen Mitternachtsfunk.
Natürlich gerät unser Mann fürs Beiheft gehörig ins Schwärmen. Das Fachblatt "JazzThetik" aus Münster hat den Musikjournalisten Wolf Kampmann entsandt, um in Chicago Musiken und O-Töne zu sammeln. Er traf den Musiker und Produzenten Jim O'Rourke, der den Koffer des Gastes vom Flughafen trug. Zum Abschied steckte ihm John McEntire von Tortoise eine Schallplatte zu. "Chicago ist eine riesige Kleinstadt fernab der Küsten, in der der berühmte amerikanische Pioniergeist noch nicht an Disney verkauft wurde." Ein Hort des Altruismus, fügt Kampmann hinzu.
Zurück zu Sam Prekop und der Welt, die ein einziges, großes Chicago sein soll. Ein Utopia der billigen Studios, der redlichen Labels, der selbstlosen Clubs. So habe es, fern des Musikgeschäfts in New York und Los Angeles, gedeihen und resistent werden können gegen die Bosheit des Marktes. Dann hat diese Szene auch Grenzen geschliffen. Zwischen Genres und Stilen, zwischen gestern und heute, und untereinander hilft jeder dem Nachbarn und schließlich sich selbst. "Nette Leute", wie der Musiker Rob Mazurek sagt.
Ein Paradies für Musiker soll Chicago der Legende nach schon in den Zwanzigern gewesen sein. Als New Orleans Kriegshafen wurde, ließ die Armee die Lokale im Rotlichtbezirk schließen. Louis Armstrong und King Oliver gingen nach Chicago, und Jazz wurde Popmusik. Al Capone soll als Jazzfan aufgefallen sein. In den Fünfzigern gab es den Klüngel um Sun Ra und sein "Arkestra", in den Sechzigern die AACM, die Association For The Advancement Of Creative Musicians, deren Chef Lester Bowie vom Art Ensemble Of Chicago war. Später dann kamen Chicago House und der "Post Punk" von Jesus Lizard und Eleventh Dream Day.
Das alles ist Chicago, der Legende oder der Wirklichkeit nach. Aber was soll nun der Post Rock sein, von dem alle reden? Auch davon erzählt der Sampler. Das ist dieses seltsame Wirrwarr aus Minimal Music und Jazz, aus Club-Sounds und Rockelementen, auch Folk oder Blues oder Country. Mitunter schlägt diese Musik auch in Richtung Kitsch und Satire aus wie die Stücke von Bobby Conn. Dagegen sind Typen wie Jim O'Rourke eher bestrebt, die Störgeräusche, die einen umgeben, in Ordnung zu bringen. Ohne Hast und übertriebene Eile: die Wiederentdeckung der Langsamkeit. Selbst einzelne Hektiker wie Ken Vandermark oder Mars Williams legen noch Wert auf die Schönheit im Großstadtlärm.
Da ist nun auch häufig vom "Stadtsound" die Rede: Dass jeder schon am Klang erkennt, was in Chicago entstanden sein muss. Das kann guten Gewissens vergessen werden, sagt das Album. Und Sam Prekop von The Sea And Cake, er greift die Gitarre, spielt einen Bossa Nova und feiert 500 Jahre Brasilien. Wie Chicago sollte Brasilien sein. Und der Rest dieser Welt.
Diverse: "Chicago 2018... It's Gonna Change" (Clearspot/EFA)