Chumbawamba Knallbunte Nummernrevue
Das Übel ist nicht ein weiches Brötchen mit fettiger Bulette an sich, "das Übel ist vielmehr, dass der Hamburger in London so schmeckt wie in Rio oder Tokio." Eine hübsche Metapher, mit der Boff Whalley doch tatsächlich auch jenen Geschäftsbereich beschreiben will, in dem er selbst tätig ist. Dabei ist der Mann Musiker. Nehmen wir uns indes die Zeit und Muße, das jüngste Album "WYSIWYG" seiner Band Chumbawamba vom ersten bis zum 22. Titel durchzuhören, dann wissen wir, wovon Whalley spricht. Eine flammendere Kampfansage gegen den langweiligen Einheitsbrei aus dem Formatradio ist momentan schwerlich zu erstehen.
Doch Whalley und seine 7 Kolleginnen und Kollegen haben den Bogen nicht nur zum Spaß vom Schlager der Fifties über Reggae, New Wave und Trip Hop bis in die Neuzeit gespannt. Schließlich gilt es den Briten doch einiges, ihren Ruf als Pop-Anarchisten zu verteidigen. Wobei der Gegner mühelos auszumachen ist: "Diese ganzen Großkonzerne", propagiert Sängerin Alice das Credo der Band, "wollen die Menschen doch nur vor neuen Erfahrungen bewahren und unterstützen dazu deren Angst davor. Aber was wäre ein Leben ohne Überraschungen? Schlicht schrecklich". Und weil nun der Popmusik, daran glauben zumindest Whalley & Co. ganz fest, die Rolle der letzten Kraft gegen all die charakterschlechten Konzerne zukommt, setzen Chumbawamba lieber gleich auf stetige Übererfüllung des Planes.
Sie mischen flotte, jamaikanische Rhythmen mit beseelten A-Capella-Gesängen, lassen ihren Schlagwerker mal rüde, dann wieder sehr sachte trommeln, mögen jaulende Gitarren ebenso wie schweigende und haben am Ende ein schillerndes Bündel Songs zu verschenken, die leicht auch von sechs höchst unterschiedlichen Bands stammen könnten. Das Rezept für die amüsante und gleichsam intelligente Melange ist denkbar einfach. "Du sammelst eine Zeit lang Ideen, klaust jeden Sound, der dir gefällt, und wirfst dann alles durcheinander." Weil das aber auch andere können, "denkst du dir ein paar skurrile Pointen aus und dekorierst nach Lust und Laune, aber auf jeden Fall üppig."
Mit einem Banjo etwa oder vielleicht zwei klugen Zeilen, mit Doo-Wop oder einer kurzen, spartanischen Durststrecke, auf der bloß eine dünne Stimme säuselt. Und dann kommt wieder die Politik zum Zuge: "Such dir bloß nie einen Produzenten, der trimmt dich doch wieder nur auf die Linie der Major Companies." Bei denen übrigens auch Chumbawamba unter Vertrag stehen. "Stimmt schon", sagt Whalley fast ein bisschen entschuldigend, "aber mindestens einen Prügelknaben brauchst du ganz einfach". Schon für die regelmäßigen Pointen.
Chumbawamba: "WYSIWYG", (EMI). Tourdaten: 17.05. Hamburg; 18.05. Berlin; 19.05. München.