Coco Schumann erzählt über Auschwitz - DER SPIEGEL
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Coco Schumann über Auschwitz "Ich wollte nicht, dass geklatscht wird, weil ich im KZ war"

Der Gitarrist und KZ-Überlebende Coco Schumann ist gestorben. Für ihn wurde Auschwitz erst Jahrzehnte nach der Befreiung ein Thema. Aus Anlass seines Todes veröffentlichen wir sein Protokoll aus einer SPIEGEL-Titelgeschichte vom Dezember 2015.
Foto: DER SPIEGEL
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wissen Sie, ich bin ja ein ziemlich bekannter Musiker. Und ich wollte nicht, dass geklatscht wird, weil ich im KZ war, sondern weil ich Musik mache und das ein bisschen besser als viele andere.

Ich bin ein positiv denkender Mensch. Viele, die im Lager waren, sind nie wieder richtig rausgekommen, auch wenn sie längst draußen waren, wenn Sie verstehen, was ich meine. Ich jammer auch nicht darüber, dass ich drin war, ich jubel eher, dass ich rausgekommen bin.

Meine Mutter war Jüdin, mein Vater trat erst bei seiner Hochzeit zum Judentum über. Ich besuchte die jüdische Schule in der Joachimstaler Straße in Berlin. Unsere Clique, so sagte man damals, war musikbegeistert. Diese Filme aus Amerika, mit Ginger Rogers und Fred Astaire, liefen schon vor dem Krieg im Kino. Als der Swing dann verboten wurde, entdeckten wir aber doch noch Schallplatten in einem Geschäft unterm Ladentisch. Damals hörte ich zum ersten Mal Ella Fitzgerald und wusste sofort: Das ist meine Musik. Dass ich sie später mal begleiten würde, habe ich damals natürlich noch nicht geahnt.

Coco Schumann (2014)

Coco Schumann (2014)

Foto: Dmitrij Leltschuk/ DER SPIEGEL

Ich habe reichlich Rassenschande getrieben

Wir spielten im Groschenkeller in der Kantstraße nur verbotene Musik. Es gab ja auch Rassenschande, wie die Nazis es nannten. Ich habe reichlich Rassenschande getrieben, und irgendeiner, dem ich die Braut ausgespannt hatte, hat rausgekriegt, dass ich den gelben Stern mit der Aufschrift "Jude" nicht trug. Im März 43 wurde ich zum Alexanderplatz zur Kriminalpolizei hinbestellt. Und die übergab mich der SS.

Erst kam ich nach Theresienstadt, dann, im Herbst 44, nach Auschwitz. Die Zugfahrt im Viehwaggon war schrecklich. Furchtbar eng. Irgendwann fragte ich den SS-Mann, ob ich mal austreten dürfte, und merkte, dass wir gerade durch Berlin fuhren, durch Halensee, ganz langsam. Ich erkannte sogar die Wohnung meiner Eltern durch die offene Tür, den SS-Mann mit dem Gewehr daneben.

In Auschwitz wurden wir in Baracken untergebracht, das waren ehemalige Pferdeställe mit Stockbetten. Als ich das sah, dachte ich, das war es jetzt mit uns. Da höre ich eine Stimme: "Woher kommst du denn, Coco?" Und ich drehe mich um und sehe einen Lagerkapo. So ein Lagerkapo hatte das Sagen. Wir mussten vor ihm strammstehen und die Mütze abnehmen. Ich sage also: "Aus Berlin, Herr Kapo." Der sagt: "Mensch, Coco, ich bin doch der Heinz." Der war wohl ein großer Fan von mir, aber natürlich kannte ich nicht alle Fans.

Er war dann mein großes Glück. Er sagte zu mir: "Die haben hier die ganzen Zigeunermusiker vergast.2 Er hatte sich jeden Abend von den Zigeunern vorspielen lassen. Wenn ein Musiker kam, haben sie sich den gekrallt, das war die einzige Ablenkung. "Du kannst gleich heute Abend spielen", sagte der Kapo. Später bekamen wir Musiker sogar eigene Betten in der Schreibstube. Die ganze Organisation wurde ja von Häftlingen gemacht, fast alles.

Und die SS wünschte sich immer "La Paloma"

Am Tor, wo die Leute zur Arbeit gingen, nach Buna, spielten wir dann. Und die SS wünschte sich immer "La Paloma2. Ich habe jahrelang nicht gewusst, warum die jedes Mal "La Paloma" wollten. Wir haben alle gerätselt. Vielleicht wegen der Zeile "einmal muss es vorbei sein". Erst viel später habe ich mal den Film mit Hans Albers gesehen, das war damals bei den SS-Leuten offenbar der Number-one-Hit. Wir wussten das nicht.

Als die Russen kamen, im Januar 45, ging es wieder auf einen Transport, diesmal nach Kaufering in Bayern, ein Nebenlager von Dachau. Und als Kaufering aufgelöst wurde, gingen wir auf einen Todesmarsch. Die SS-Leute hatten schon die Maschinengewehre für uns aufgebaut, aber Gott sei Dank: Die Amis waren schneller und befreiten uns. Von den Amis bekam ich die Genehmigung, dass ich mit dem Zug nach Berlin fahren durfte.

Im Video: Die letzten Zeugen

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Meine Mutter war auch in einem Gefängnis. Als in Wedding bombardiert wurde, stürzten einige Mauern um, und es brannte. Sie war plötzlich frei. Nachdem ich meine Eltern getroffen hatte, ging ich gleich zum Ku'damm. Und was sehe ich? Ein Schild mit dem Namen "Ronny Bar", man hörte draußen schon die Musik. Irgendein Schlauer hatte also schon wieder eine Bar aufgemacht. Die Amis sind ja viel ausgegangen. Ich also rein und sehe meine Kollegen von früher dort Musik machen. Das war natürlich eine große Überraschung für die. Alle fragten: "Mensch, Coco, du lebst?"