Coldplay: Das tägliche Zählen von Dämonen - DER SPIEGEL
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Coldplay Das tägliche Zählen von Dämonen

Mag Alan McGee, der Entdecker von Oasis, noch so sehr gegen sie stänkern und sie als "Bettnässer" titulieren ­ Coldplay sind der Aufsteiger des Jahres 2000 in Großbritannien, daran gibt's nichts zu rütteln.
Von Frank Lähnemann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vor zwei Jahren legten sie ihr Erspartes zusammen, um ihr Single-Debüt zu finanzieren, im April 1999 unterschrieben die vier Wahl-Londoner ihren ersten Major-Vertrag bei Parlophone/EMI. Letzten Monat wurden sie nun für den prestigeträchtigen Mercury Music Prize nominiert. Und die Wetten stehen 3:1, dass sie das Rennen auch machen

Eigentlich sind Sänger Chris Martin und seine Mitmusiker recht unscheinbare Zeitgenossen. Auf der Straße bleiben sie unerkannt, und sie sammeln auch nicht unbedingt Schlagzeilen mit irgendwelchen dubiosen Affären. Sex & Drugs & Rock'n'Roll? Zerstörte Hotelzimmer? Von wegen. Chris Martin ist eisern: Kein Alkohol, kein Nikotin, kein sonst was. Er soll sogar seine Eltern regelmäßig besuchen und Blumen mitbringen. Coldplays Debütalbum "Parachutes", verantwortlich für all den Ruhm, ist eigentlich auch gar keine Sensation. Coldplay haben den Brit-Pop nicht neu erfunden (geschweige denn die Tonleiter) und vieles, was sie darbieten, klingt verdammt bekannt. Musikalische Grüße gehen an Jeff Buckley, Radiohead, The Verve, U2 und Travis. Dafür nennt man sie in der britischen Presse gerne mal die neuen Travis, mal die wirklich "new Radiohead".

Aber vielleicht ist es genau diese Bodenständigkeit, die Coldplay zu Sympathieträgern gemacht hat. Diese Engländer wissen, was sie nicht können, sie wissen, dass sich die Welt nicht neu ordnen lässt und versuchen es also gar nicht erst. Sie singen über das, was sie kennen und gaukeln uns nichts vor. Keine verschlüsselten Botschaften! Nicht beachtet werden, sich ausbluten für jemanden, das tägliche Zählen von Dämonen ­ das kennen wir alle, damit können wir uns identifizieren. Schöne Dinge müssen nicht zwanghaft neuartig sein ­ wie die Songs "Don't Panic", "Trouble" und "Yellow" beweisen. Fest steht: Coldplay werden ihren Fans nicht eines Tages ein "Standing On The Shoulder Of Giants" vor die Füße werfen. Eher hören sie auf. Oder bluten sich für uns aus.