Comeback der Pop-Queen Good Lack, Janet Jackson!
Janet Jackson kann endlich wieder befreit auflachen. In ihrem typisch sorglosen Kichern schwingt neuerdings sogar ein triumphaler Unterton mit. Denn nach Jahren der Flaute ist der Star rehabilitiert und anziehender denn je. Ihr neues Album "Discipline" schoss an die Spitze der U.S.-Charts, MTV spielt wieder ihre Videos, Paparazzi und Celebrity-Blogger lassen sie keine Sekunde aus den Augen.
Dabei hatte es fast so ausgesehen, als würde sich die 41-jährige Pop-Sängerin nie mehr vom sogenannten Nipplegate-Skandal erholen. 2004 riss sie Justin Timberlake in der Pausenshow der Super-Bowl-Meisterschaft am Revers und entblößte versehentlich ihre rechte Brust.
Jackson weigerte sich, für den Vorfall vor dem puritanischen Amerika zu Kreuze zu kriechen. Ihrer Meinung nach war ein "Garderobenfehler" für den Faux-Pas verantwortlich gewesen. Daraufhin wurde sie zur persona non grata des Showbusiness erklärt und im Handumdrehen von der unnahbaren Pop-Queen zum gerissenen Flittchen herabgestuft.
Ausgezogen, um zu dominieren
Nach der Logik der Überbietung musste etwas Offensives her, um den Skandal vergessen zu machen. Gleichzeitig verlangt das Comeback nach einem unverkennbaren Merkmal, das ihren Status als Pop-Adelige augenblicklich wiederherstellt.
Mit Titel und Thema des neuen Albums "Discipline" beschwört Jackson offensichtlich den Erfolg ihres Klassikers "Control" von 1986 herauf. Statt jedoch wie damals durch eine militaristische Uniform Souveränität anzuzeigen, präsentiert sie sich nun in Lack und Leder als hypersexualisierte Domina.
So nimmt sie jeder Kritik an zu viel nackter Haut gleich selbst den Wind aus den Segeln und liefert eine Steilvorlage für die feuchten Träume der Zuhörer. Im Machtgefüge aus Kontrolle und Disziplin verdichten sich zudem ihre flüchtigen Pop-Identitäten auf denkbar fruchtbarste Weise.
Da ist zunächst die strebsame Angehörige der prominenten Musikerfamilie. Für das Nesthäkchen der Jacksons war der Weg auf die Bühne von Anfang an vorgezeichnet. Eigentlich wollte sie Jockey werden, aber Patriarch Joseph Jackson scheuchte Klein-Janet mit sieben Jahren ins Scheinwerferlicht. Bekanntermaßen trichterte der Vater seinen Kindern ein Arbeitsethos ein, gegen das das Leistungsmantra bei DSDS geradezu barmherzig wirkt.
Nach mehreren Fernsehrollen brachte sie als 16-Jährige ohne Kindheit ihr Debütalbum heraus. Seither hat sie die kontinuierlichste Laufbahn unter den Jacksons hingelegt. Nach jüngsten Gerüchten soll sie mittlerweile gar die Einzige aus dem Clan sein, die noch keinen Konkurs musste.
Doch kein berühmter Jackson ohne Macke: Während sich Bruder Michael mithilfe der plastischen Chirurgie fortwährend verwandelt, reguliert Janet ihr Aussehen über das Körpergewicht. Auf und ab gehen die Pfunde des hochflexiblen Stars.
Mal wird sie als Pummelchen in Jogginghose verhöhnt. Nur Wochen später erscheint sie mit Wespentaille auf dem roten Teppich. Zwischen Essstörungen und Körperbeherrschung schwankend bietet die Diva von nebenan so die passgenaue Projektionsfläche für eine Stellvertreterkultur, die von Berühmtheiten und ihren Leibern besessen ist.
Überwachen und strafen
Permanent steht der Star im Internet-Zeitalter unter Beobachtung. Dabei wird kontrolliert, ob er auch folgsam die weiblichen Idealmaße einhält. Seit "Nipplegate" aber ist Jackson um eine demütigende Erfahrung reicher und übernimmt nun wieder die Deutungshoheit über sich und ihren Körper.
Nicht die zufällige Enthüllung intimer Körperteile, sondern im Gegenteil ihre kunstvolle Verhüllung durch Lederriemen und Latexhandschuhe erzeugt dieses Mal Aufmerksamkeit, Begehren und Macht. Mit der Peitsche in der Hand lässt die Femme fatale keinen Zweifel daran, wer hier austeilt.
Darüber hinaus weist die Science-Fiction-Ästhetik aus Video und CD-Booklet auf eine posthumane Dimension in Jacksons Sexualität hin bisweilen mit surrealen Zügen: Im Clip zum technoiden Dance-Stück "Feedback" springt sie als Alien von Planet zu Planet, um schließlich zwischen orgiastischen Fontänen einen Power-Tai-Chi-Tanz aufzuführen.
Die sexuell-maschinelle Tendenz setzt sich auf dem Album fort. Digital verfremdet geht ihre fragile Stimme in Daft-Punk-Samples über und schwebt außerirdisch über den Bimmelbeats des futuristischen Songs "Rollercoaster". Und statt mit einem männlichen Liebhaber, wie etwa ihrem Freund und Produzenten Jermaine Dupri, flirtet Jackson in Intermezzi mit einer geschlechtslosen Computerstimme.
Wer auch immer ihr Gegenüber ist, bekommt es auf dem Album ordentlich besorgt. Zu Anfang hat die Dominatrix noch alles im Griff, sie will Spaß nach ihren Maßgaben und gibt die Zügel nicht aus der Hand. Doch gegen Ende, in der schamlosen Edelschnulzballade "Discipline", winselt sie unterwürfig, sie sei ein unartiges Mädchen gewesen und fleht um Bestrafung.
Im finalen Stück "Curtains" entlässt Jackson - seelisch gereinigt und charmant unbekümmert - ihr Publikum mit der nüchternen Erkenntnis, dass alles nur eine Show, ein virtuoses Rollenspiel, gewesen sei.
Mit Zuckerbrot und Peitsche zum gegenseitigen Lustgewinn was will man mehr von großem Pop?