Comeback des TripHop: Was vom Sampler übrigblieb - DER SPIEGEL
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Comeback des TripHop Was vom Sampler übrigblieb

In den Neunzigern tonangebend, mittlerweile Klangtapete für Fahrstühle: TripHop scheint am Ende. Dass das Genre nicht restlos ausgespielt hat, dafür sorgen jetzt die Veteranen Nightmares on Wax, Massive Attack und Coldcut - mal mehr, mal weniger kreativ.
Von Uh-Young Kim
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die neunziger Jahre klangen düster schleppend und aufregend vielseitig. Die britische Musikpresse fasste den Stilmix der Sample-Kultur unter dem Etikett TripHop zusammen. Ein Jahrzehnt nach der Blütezeit des Genres melden sich nun seine Pioniere zurück. Massive Attack überbrücken die Wartezeit zum fünften Album mit "Collected", einer Sammlung aus Hits, rarem und neuem Material. George Evelyn alias Nightmares On Wax verfeinert seinen instrumentalen Mix aus Dub, Soul und HipHop auf "In A Space Outta Sound". Erstmals seit acht Jahren haben die TripHop-Urväter von Coldcut wieder eine LP veröffentlicht - gerade präsentierten sie "Sound Mirrors" live in Deutschland. Und selbst Portishead haben ein Comeback angekündigt. Da wird's einem wieder schön schwer um's Herz.

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TripHop reloaded: Zurück aus den Neunzigern

Ende der Neunziger surften selbst Björk und Madonna auf der TripHop-Welle, die jedoch bereits zur Jahrtausendwende verebbte. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erinnert sich Jonathan More von Coldcut: "Der Name war nicht gut, er repräsentierte zu viele verschiedene Stile. Viele empfanden die Schublade als einengend." Bald stand das einstige Wunderkind der britischen Popkultur als ihr Stiefkind da. Mittlerweile ist das Genre zur gefälligen Klangtapete in Cafés und Lounges verkommen, während die Aufmerksamkeit wieder den großen Stars und Gesten der Rockmusik gilt.

Beim Hören der Klassiker stellt sich dennoch unmittelbar die typische Melancholie von TripHop ein. Nostalgische und dunkle Sehnsüchte prägen die Stimmung von Songs wie Massive Attacks "Karmacoma". Die Idee von Musik als Medium der Erinnerung zeigte sich schon damals im direkten Bezug auf Quellen der Vergangenheit. Die im HipHop etablierte Technik des Samplings fand so Eingang in die Produktion von Popmusik. Ausgangspunkt der unterschiedlichen TripHop-Entwürfe ist die DJ-Kultur.

Innovation mit System

So entwickelte sich Massive Attack aus der kollektiven Praxis des Sound Systems: der aus Jamaika stammenden Wiege des DJs und seiner Mix-Technik. Ihre Sound-System-Crew namens The Wild Bunch gilt als Keimzelle der Bewegung, Tricky und Portishead-Produzent Geoff Barrow waren ebenfalls Mitglieder. Die südwestliche Küstenstadt Bristol, ehemals Europas wichtigster Umschlagplatz für den Sklavenhandel, bildete den lokal überschaubaren und historisch bezeichnenden Rahmen für die stilistisch vielseitigen Kreuzungen aus HipHop-Beats, Soul-Gesang und Reggae-Vibes.

Im brach liegenden Norden Englands dagegen fingen Nightmares On Wax aus Leeds mit Techno an. Hier florierte die DJ-Kultur Ende der achtziger Jahre im Zuge der Rave-Bewegung in stillgelegten Lagerhallen. Als sich das Duo trennte, verabschiedete sich George Evelyn von Techno, blieb aber dem Eskapismus treu. Sein Album "Smoker's Delight" von 1995 gilt als Blaupause von Chill-Out-Musik im Midtempo.

Mit dem DJ als Produzenten veränderte sich auch das Konzept von musikalischer Kreativität: Nicht mehr der individuelle Ausdruck eines Künstlers stand im Vordergrund, sondern die Collage bereits vorhandenen Materials. Im Zuge der Demokratisierung der Produktionsmittel durch den Sampler behaupteten sich immer mehr kleinteilige Netzwerke mit großen Plattensammlungen. So wie das Debüt von Massive Attack komplett auf Samples von Rare-Groove-Titeln basierte, errichtete Evelyn seinen Ruf als Meister der sonnenbeschienenen Downbeats allein auf Grundlage von zwei Takten aus einem Quincy-Jones-Stück.

In der Metropole London haben die Pioniere von Coldcut einen ganzheitlichen und spielerischen Ansatz der Sample-Kultur verfolgt. Die "mad professors" der Szene haben sich ständig mit den Möglichkeiten neuer Technologien weiter entwickelt, die sie sich im autodidaktischen Geiste von Punk aneigneten. Zusammengefunden haben sie 1987 als DJs beim Piratensender Kiss FM. In den Folgejahren deklinierten sie die Musikproduktion mit dem Sampler facettenreich durch. Dabei landeten sie sowohl in den Charts als auch auf den Tanzflächen der Clubs und schafften es mit einer interaktiven Installation bis ins Pariser Centre Pompidou. Der Preis für Coldcuts kreative Freiheit ist ihr vergleichsweise bescheidener Verkaufserfolg.

Von den Reglern an die Rampe

Die einzigen Superstars aus der TripHop-Ära sind Massive Attack. Mit dem kommerziellen Durchbruch verabschiedete sich die Gruppe immer mehr von der Idee des Sound Systems, zeitweise schrumpfte das Trio auf ein einziges Mitglied zusammen. Dass sie mittlerweile als "U2 des TripHop" bezeichnet werden, liegt nicht zuletzt an der bombastischen Live-Show. Für die dort gebotene Erlebniswelt zeichnen dieselben Videokünstler verantwortlich, die auch die irische Rockband begleiten.

Beim früheren Elektronik-Act Nightmares On Wax hat ebenfalls eine Rückbesinnung auf die Authentizität von Live-Musik stattgefunden. Zuletzt brachte Evelyn seine am Computer entstandenen Stücke mit einer 20-köpfigen Band auf die Bühne. Die neue Show wird jedoch mit einem Sound System aufgeführt und stellt wieder eine Verbindung zum Ursprung in der DJ-Kultur her. Derweil dreht sich Evelyns Stilcollage aus Dub, Soul und HipHop schon seit längerem im Kreis. Was damals aktuell und neu klang, erschließt sich heute nur mehr als Biotop für Hängengebliebene.

Einst drückte sich im TripHop-Sound eine Verweigerungshaltung aus. Die introvertierte Musik wurde zum Rückzugsort in den Umbrüchen der neunziger Jahre - eine selbstbestimmte Alternative der Subkulturen fernab von Ansprüchen der Mehrheitsgesellschaft und den Formaten der Majorlabels. Lange hat es aber keiner in diesem Loch ausgehalten. Jonathan More sieht die Entwicklung kritisch: "Viele drängte es ins Rampenlicht, sie wollten Superstars werden und wurden zu falschen Rockstars." Mit der Popularisierung löste eine schnöde Erfolgsverwaltung kreative Errungenschaften ab. Coldcut dagegen haben TripHop antizipiert, waren während des Hypes schon ganz woanders und konnten ihn deshalb mühelos überleben.

Auf ihrem neuen Album streifen die elder statesmen des Samplings - beide gehen auf die 50 zu - klassische Momente der jüngeren Dance-Geschichte und erinnern an ihre offene Ausrichtung. Zahlreiche Gastauftritte reflektieren die jahrelange Aufbauarbeit ihres Labels Ninja Tune, mit dem sie 1993 eine Plattform schufen, um unabhängig Künstler zu fördern. Der britische Rapstar Roots Manuva steuert ein paar Verse bei, aber auch House-Ikone Robert Owens oder der afroamerikanische Dichter Amiri Baraka fügen sich in das vielseitig schillernde Kaleidoskop aus Pop-Songs, Dance-Tracks, Stromgitarren und Breakbeats ein.

Dass auch sie sich dabei wieder klassischen Songstrukturen annähern, stellt für More eine Herausforderung dar: "Computer machen inzwischen das, was du willst. Heute geht es uns nicht um die technische Machbarkeit, sondern wieder mehr um Inhalte." Immer noch fügen die Wegbereiter der Sample-Kultur diese Inhalte mit viel Feingefühl für aufregende Kombinationen zusammen. So dürfte weiterhin ausgeschlossen bleiben, dass Coldcut je als die Rolling Stones des TripHop enden.