Country-Album: Songs für den Schaukelstuhl
Country-Album Songs für den Schaukelstuhl
Die Musik von Gillian Welch passt nicht zu CDs und noch viel weniger zu MP3s. Eigentlich müssten diese Songs nachts in einer dunklen, alten Bar in Nashville aus einer Jukebox gehört werden oder daheim auf knisternden Schellack-Platten. Oder sonstwie auf Vinyl. Leider klappt das alles nicht. Denn das tolle neue Gillian-Welch-Album "The Harrow & The Harvest" ist leider nur als CD oder Download zu haben.
Dass viele Liebhaber dieser Klänge das als Missverständnis betrachten, macht eine Erklärung auf der Gillian-Welch-Webseite deutlich: "Wir versprechen, dass irgendwann alle Alben von Gillian Welch auf Vinyl zu haben sind. Danke für die Geduld."
Die Songs, um die es hier geht, klingen als wären sie vor einer Ewigkeit verfasst worden. Irgendwo im tiefen Süden der USA, einer Gegend, wo Männer Cowboy-Hüte und Stiefel trugen, Frauen geblümte Kleider - und Meinungsverschiedenheiten mit dem Colt geklärt wurden. Country ist ein Begriff, der für Gillian Welchs Musik gern benutzt wird, aber nur bedingt passt. Das wird schon dadurch klar, dass in den USA sowohl Gillian Welch als auch die Teenie-Queen Taylor Swift in diese Rubrik fallen, wobei Erstgenannte mit Letzterer so viel gemeinsam hat wie Mozart mit Motörhead. Näher kommt man der Sache vielleicht mit "Bluegrass" oder "Americana". Ein begeisteter Kritiker des "New Yorker" beschrieb Welchs Stil mal so: "Ihre Musik ist innovativ und gleichzeitig tief verwurzelt in Tradition."
Fabelhafte Platten, die kommerziell erstaunlich erfolgreich ist
Fünf Alben hat die 43-jährige Amerikanerin bislang mit ihrem musikalischen Partner David Rawlings veröffentlicht. Durchweg fabelhafte Platten, die in den USA auch von Kritikern gefeiert wurden und die kommerziell erstaunlich erfolgreich sind.
In New York geboren, wuchs Welch in Los Angeles auf und liebte schon früh die traditionellen Klänge aus Nashville. Eine Art Aha-Erlebnis hatte sie, als sie während ihres Musikstudiums ein Album der Bluegrass-Veteranen The Stanley Brothers hörte: "Auf einen Schlag hatte ich meine Musik gefunden."
Groß raus kamen Welch und ihr Partner, als der Produzent T-Bone Burnett, ein Freund puristischer Traditionsklänge, sie für den Soundtrack des Coen-Brüder-Films "O Brother, Where Art Thou?" buchte. Das daraus resultierende Album, dessen Songs man idealerweise im Schaukelstuhl auf einer Holzveranda hört, geriet in den USA zum Überraschungs-Bestseller, ging fast acht Millionen Mal weg, brachte einer traditionellen Musik ein gewaltiges frisches Publikum und wurde nun zum zehnjährigen Jubiläum massiv erweitert als Deluxe-Edition (Universal) wiederveröffentlicht.
Neben Gillian Welch fand auch die ebenfalls an dem Soundtrack beteiligte Country-Fiddlerin und 26-fache Grammy-Gewinnerin Alison Krauss zu einem neuen Publikum. Ihr sei immer klar gewesen, dass diese Musik viel mehr Hörer verdient habe, sagt Krauss, deren neues Album "Paper Airplane" (Universal) auch jüngst erschien.
Fest steht, dass sich seit dem "O Brother, Where Art Thou?"-Triumph in den USA sehr viel mehr junge Musiker an Country-Songs alter Schule wagen. Spannende Beispiele hierfür lieferten zuletzt die T-Bone-Burnett-Klienten The Secret Sister (CD "The Secret Sisters" bei Beladruit) und der gefeierte Wunder-Barde Robert Ellis (CD "Photographs" bei New west).
Auf seine alten Tage vom Country-Virus infiziert wurde auch der Schauspieler Jeff Bridges. Seinem Auftritt als Country-Musiker in "Crazy Heart" ließ er nun unter dem Namen "Jeff Bridges" (Blue Note) tatsächlich ein eigenes, würdevolles Album folgen. Produziert selbstverständlich von T-Bone Burnett und zum Glück sogar auf Vinyl zu haben!