Neue Country-Stars: "Hallo, ich stinke"
Country-Newcomerinnen "Hallo, ich stinke!"
Einen Steinwurf von der Reeperbahn entfernt betritt Caitlin Rose mit umgehängter Gitarre die Bühne eines kleinen Theaters und sagt dem Publikum zur Begrüßung: "Hallo, ich stinke!" Seit Tagen habe sie sich nicht gewaschen, zum Schlafen sei sie auch kaum gekommen, aber nach dem Konzert wolle sie noch mal schnell die Nutten begutachten, für die das Viertel hier ja weltberühmt sei.
Caitlin Rose kichert verlegen. Schließlich gibt es solche Ecken dort, wo sie herkommt, nicht. Aus Nashville kommt Country-Musik und aus Tennessee Whiskey, und so steht die junge Frau mit Gitarre und Whiskey-Flasche in St. Pauli, Hamburg, und singt Country-Songs über die Abgründe der Liebe.
Die Abgründe sind vielleicht nicht ganz so tief wie jene, die sich ein paar Straßen weiter auftun, aber die Stücke sind dennoch sehr eindringlich. Vielen Kritikern gilt die 23-jährige Caitlin Rose als Entdeckung der Saison. Ihr gerade veröffentlichtes Debütalbum "Own Side Now" wurde in Großbritannien schwer gelobt: "Die Zukunft der Country-Musik" hörte ein Kritiker vom "Guardian", und einer vom "Independent" urteilte, Rose sei "das Beste, was seit Jahrzehnten aus Nashville gekommen ist".
Auch wenn britische Musikjournalisten Superlative gern verschwenderisch verteilen, sind sie im Fall dieser jungen Amerikanerin gerechtfertigt. Denn so vollendet wie "Own Side Now" geraten Debütalben selten. Von den zehn Songs der Platte hat Rose sechs allein verfasst, drei mit Co-Autoren, und eine Nummer hat sie von ihrer Heldin, der Fleetwood-Mac-Elfe Stevie Nicks, übernommen.
"Alles, was ich schreibe, habe ich in irgendeiner Form selbst erlebt, mir fehlt sowieso die Phantasie, mir etwas auszudenken", sagt Rose und gähnt. Dezent lädiert sitzt sie vor einem Kaffee in der Lobby ihres Hotels und beklagt ihr Schlafdefizit. Zu viel getrunken habe sie auch, was genau, hat sie vergessen, sie tippt auf Bier und Whiskey mit Wasser. Aber ein lustiger langer Abend sei es in Berlin gewesen.
Country gilt als reaktionärer Rentner-Sound
Gitarrenmusik und Whiskey, dazu eine prägnante, sehnsüchtige Stimme, die an die großen Meisterinnen der Country-Zunft Patsy Cline oder Dolly Parton erinnert, das sind in den USA die Variablen einer Erfolgsformel, im Rest der Welt ist die Summe daraus: muffige Lagerfeuerromantik für Freunde von großen Busen und Westernpferden und staubigen Prärien. Vor allem aber bedeutet Country, und das ist für Plattenfirmen das größte Problem, ein in die Jahre gekommenes Publikum. Country gilt der Generation danach als reaktionärer Rentner-Sound, ungefähr so sexy wie Volksmusik - es war aber lange das kommerziell erfolgreichste Genre in den USA.
Wurde also Zeit, diese uramerikanische Traditionsmusik ins 21. Jahrhundert zu holen, und solche Neuerfindungen funktionieren am besten mit neuen Protagonisten. Caitlin Rose ist der Typ Heldin für jene, die originelle Stücke mit Inhalt wollen. Für das junge Publikum, das sich an den Popcharts orientiert, ist Taylor Swift da. Die 20-jährige Blondine ist dieser Tage die erfolgreichste Musikerin der Vereinigten Staaten, sie besetzt mit ihren Songs wochenlang Platz eins der Charts, ihre ersten beiden Alben wurden weltweit mehr als 13 Millionen Mal verkauft, ihr neues Werk "Speak Now" ist Ende Oktober erschienen.
Auch online setzt Taylor Swift Maßstäbe, mit 28 Millionen verkauften Songs ist sie in den digitalen Sphären die umsatzstärkste Musikerin aller Zeiten. Ihre Hits wie "Teardrops on My Guitar" sind ein raffinierter Mix aus Country-typischen Gitarrenklängen und moderner Pop-Produktion; sie würden auch auf einem Britney-Spears-Album nicht unangenehm auffallen. Geschniegelte Electro-Beats geben meist den Rhythmus vor, und althergebrachte Country-Instrumente wie die Steel-Gitarre fügen sich in das moderne Klangbild erstaunlich harmonisch ein. Ebenso traditionell wie zeitgemäß sind die Texte der jungen Künstlerin: Es geht um Liebe, traditionsgemäß um gescheiterte, und um, ganz heutig, Teenagerstress.
Und im Gegensatz zu den austauschbaren Texten der meisten Teen-Pop-Helden verarbeitet Swift in den Songs tatsächlich ihren eigenen Alltag, sehr zum Kummer ihrer verflossenen Liebhaber: "Jeder von den Jungs, über die ich Songs geschrieben habe, ist von meinen Fans bei MySpace ausfindig gemacht worden. Ich könnte natürlich alles unverbindlicher formulieren, das will ich aber nicht. Ich bevorzuge es, das letzte Wort zu haben", sagt die Musikerin, die zwar ein wenig wie eine Barbie-Puppe ausschaut, sich aber als smart und talentiert erwiesen hat. Als erste Musikerin führte Swift auch soziale Netzwerke wie Facebook und MySpace in die Country-Welt ein; sie hat ihren spektakulären kommerziellen Triumph auch der intensiven Online-Kommunikation mit ihren Fans zu verdanken.
Natürlich gab es vor Taylor Swift Country-Stars, die über das Genre hinaus erfolgreich waren; Faith Hill, Shania Twain oder die Dixie Chicks. Aber der Erfolg von Swift hat eine andere Dimension. Sie ist in Europa so berühmt wie in ihrer Heimat.
Rose und Swift geben Country ein junges Gesicht
Rose und Swift sind ungefähr gleich alt, sie geben beide Country ein junges Gesicht, obwohl sie sich an den entgegengesetzten Enden des Genres bewegen, individuell versus kommerziell muss man wohl sagen. Aber da ist noch etwas, das die beiden Frauen verbindet: Taylor Swift lässt sich beim Songschreiben vor allem von Liz Rose unterstützen. Rose? Ja, genau, Rose, Liz, die Mutter von Caitlin Rose. Mit den Songs von Liz Rose gewann Swift zwei Grammys.
Swift hat ihre Karriere viel früher gestartet als Caitlin Rose, das allein dürfte die innerfamiliäre Konkurrenzsituation etwas entspannen. Als Liz Rose bei einem Songwriter-Workshop in Nashville Taylor Swift kennenlernte, war diese 14 Jahre alt, vollkommen unbekannt und suchte jemanden, der ihr half, ihre Lieder in Form zu bringen. Liz Rose hatte drei Kinder und suchte den Einstieg ins Songwriting-Geschäft. Mit Teenagerdramen kannte sie sich bestens aus, durch Caitlin. "Ich glaube, Taylor und ich passten einfach gut zusammen, weil ich nie den Versuch unternahm zu verändern, was sie schrieb, ich besserte nur ein wenig nach", sagt Liz Rose, 52.
Mit ihrer Tochter Caitlin hat Liz noch kein Stück komponiert. "Ich schaue gern zu, wenn meine Mutter arbeitet, schreibe aber lieber allein. Meine Mutter kann fünf Songs pro Tag fertigkriegen, ich schaffe nicht mal in einem Monat fünf", sagt sie. Aber haben sie noch nie gemeinsam über Texten gebrütet, daheim in Nashville auf der Veranda? "Gut, gelegentlich tauschen wir Ratschläge aus, debattieren über Worte. Aber unsere Ziele sind grundverschieden", sagt sie und behauptet etwas zu nachdrücklich, dass sie Taylor Swift "ganz toll" findet. Dass sie zwei verschiedene Country-Stile und auch zwei unterschiedliche Lebensstile repräsentierten, sei kein Problem.
Zumal beide die Mission haben, den Country international nach vorn zu bringen. Und zwar musikalisch, inhaltlich und kulturell, während hierzulande die Marktstrategie der Plattenfirmen jahrelang war, Country-Bestseller wie Garth Brooks umzuetikettieren. Kunstbegriffe wie "New American Music" oder "Americana" sollten eine größtmögliche Entfernung zu bundesdeutschen Cowboys wie Truckstop herstellen. Geholfen hat es wenig, weder kommerziell noch musikalisch. ",Americana' ist ein Begriff, der überall in Europa herumgeistert und für gar nichts steht", sagt Caitlin Rose und verzieht angeekelt das Gesicht.
Tradition und Rebellion liegen im Country nur wenige Akkorde auseinander
Fest steht, dass Country immer eine Musik der Widersprüche war: Tradition und Rebellion lagen nur wenige Akkorde auseinander. Neben den vermeintlich biederen Patrioten gab es stets die unzähmbaren Außenseiter. Hank Williams, der wohl wichtigste Country-Musiker überhaupt, wurde 1953 voll mit Alkohol und Medikamenten tot in seinem Auto entdeckt. Er war 29. Auch Johnny Cash und Willie Nelson führten zeitweilig ein so wüstes Leben wie die Rolling Stones.
Das ist alles lange her, aber auch Caitlin Rose bekennt sich zum gelegentlichen Absturz: "Exzesse sind wichtig für das Erwachsenwerden. Wer ab und zu die Grenzbereiche seines Lebens auslotet, lernt vieles über seinen Charakter. Aber natürlich ist das auch gefährlich und kann Leben zerstören."
Im November tourte sie als Vorprogramm von Lambchop-Mann Kurt Wagner durch Deutschland; im Februar kehrt sie mit ihrer Band zurück. Zu Weihnachten aber will sie daheim in Nashville sein. Warum? "Ich vermisse meine Lieblingsbar 'Dino's', die ist klein, dunkel, verraucht, voll von alten Männern, da steht eine antike Jukebox mit coolen Country-Platten, und dazu wird Whiskey getrunken", sagt Rose. Manches im Country ändert sich eben nie.
CD Caitlin Rose: "Own Side Now" (Names Records); Konzerte ab 6.11. als Support von Kurt Wagner.
Myspace.com/caitlinrosesongs
CD Taylor Swift: "Speak Now" (Universal); Konzerte: 12.3., Oberhausen, 14.3., München. Karten: www.mlk.com