Courtney Love Primadonna auf Kriegspfad
ergesst den Jammer um raubkopierte CDs, Musik-Tauschhandel im Internet und den Mangel an neuen Stars: Im internationalen Popgeschäft ist trotz aller Sorgen und ein halbes Jahr nach den Terroranschlägen in den USA wieder Partylaune angesagt ob bei den Grammys in Los Angeles Bob Dylan rockte, Kylie Minogue bei den Brit Awards in London frohgemut ihren Hintern zur Schau stellte oder jüngst in Berlin zur Echo-Verleihung großer Show-Glamour beschworen wurde.
Als Spielverderberin im neuen Pop- und Partyzauber versucht sich derzeit die US-Popsängerin Courtney Love: Mit Hilfe einer Grundsatzklage gegen den Entertainmentkonzern Universal Music Group vor Gericht in Los Angeles will sie die Rechte von Popkünstlern auf korrekte Abrechnungen und Verträge klären lassen und auch wenn der nächste Verhandlungstermin erst für Juni angesetzt ist, droht die notorisch großmäulige Witwe des legendären Rockhelden Kurt Cobain schon jetzt mit drastischen Konsequenzen im Falle eines Sieges.
"Es geht hier nicht ums Nachbessern", tönt Love, "sondern um die Neudefinition des Verhältnisses zwischen Künstlern und Industrie." Tatsächlich verlangt die Sängerin, die mit ihrer eigenen Truppe Hole selbst Millionen CDs verkauft hat, etwa Einsicht in die Geschäftsbücher: Sie behauptet, die heute zu Universal gehörende Plattenfirma Geffen habe Nirvana, die Band ihres 1994 durch Selbstmord aus dem Leben geschiedenen Gatten, um rund 3,1 Millionen Dollar an Tantiemen geprellt.
Darüber hinaus will die selbst ernannte Pop-Kreuzritterin Love seit Jahrzehnten übliche Praktiken der Musikindustrie abstellen lassen. So schließen die großen Musikkonzerne mit ihren Künstlern bis heute nicht selten Verträge, die den Musikern von Seiten der Plattenfirma nur ein bis zwei Alben garantieren umgekehrt wird aber der Firma, zumindest nach US-Recht, eine Option auf bis zu sieben Platten garantiert. Love selbst bemüht sich seit 1999 vergebens, mit ihrer Band aus einem solchen Knebelvertrag mit Universal auszusteigen.
Fällige Tantiemen würden, so Love, oft nur zögerlich an die Musiker weitergeleitet, Abrechnungen systematisch zum Nachteil der Künstler verschleiert: Ihr einstiger Gatte Kurt Cobain etwa, so berichtet eine Legende, habe aus Geldnot noch in seinem Auto hausen müssen, als das Nirvana-Bestselleralbum "Nevermind" mit dem Hit "Smells Like Teen Spirit" sich bereits hunderttausendfach verkauft hatte.
Einerseits setzt sich Courtney Love mit ihrer Attacke an die Spitze des Kampfes für eine offenbar gerechte Sache. So haben prominente Kollegen wie Alanis Morissette, Sheryl Crow, Billy Joel, Beck oder No Doubt sich vor dem amerikanischen Kongress oder auf Benefizkonzerten bereits für eine Stärkung der Künstlerrechte eingesetzt.
Andererseits ist Courtney Love selbst nicht unumstritten. So werfen ihr Nirvana-Fans üble Geldgier und Verrat vor, etwa weil sie für eine vergangenes Jahr in den Vereinigten Staaten erschienene Cobain-Biografie Tagebuchaufzeichnungen ihres Mannes freigegeben hat zumal diese Notate Kurt Cobain weniger als Rock-Heiligen, denn als selbst ziemlich geltungssüchtigen und geldhungrigen Karrieristen erscheinen lassen.
Zudem bemüht sich Love nicht konkurrenzlos um die Verfügungsgewalt über das Vermächtnis von Nirvana, der wichtigsten Rockgruppe der neunziger Jahre. Cobains Ex-Kollegen Krist Novoselic und Dave Grohl wollen ebenfalls von der Nirvana-Hinterlassenschaft profitieren und schmähen Love schon mal als "inkompetente Primadonna".
Die Cobain-Witwe genießt längst den zweifelhaften Ruhm einer modernen Yoko Ono: Ähnlich wie die John-Lennon-Witwe sieht sie sich Vorwürfen ausgesetzt, das kostbare Erbe ihres toten Gatten zu plündern. Sie selbst argumentiert trotzig: "Wenn ich die Sache nicht in die Hand nehme, wer dann?" Schließlich wache sie "jeden Morgen reich auf" und "kämpfe gern", wie es sich für eine "durchgeknallte ehemalige Stripperin und ehemalige Heroinsüchtige" gehöre.
Loves Prozessgegner mussten bereits kuriose Provokationen erdulden. Als sie der Geffen-Boss für einen Schlichtungsversuch zum Essen in ein edles Restaurant lud, bestellte Love erst mal für angeblich 12 000 Dollar den teuersten Wein des Hauses. Anschließend kritzelte sie ihre Forderungen auf eine Serviette: darunter ein paar Millionen Dollar für ein Musikeraltenheim und horrende Tantiemen.
Eine erste, schmerzliche Niederlage brachte Courtney Love Universal im vergangenen Jahr bei, als sie ein fest eingeplantes Nirvana-CD-Boxset mit einem unveröffentlichten Cobain-Song kurz vor der Veröffentlichung per gerichtlicher Verfügung stoppen ließ.
Sollte die aufmüpfige Diva nun auch nur mit den wichtigsten ihrer Forderungen vor Gericht durchkommen, wären die Folgen für das Musikgeschäft ähnlich drastisch wie nach dem Prozess, den die Hollywood-Schauspielerin Olivia de Havilland in den vierziger Jahren mit Erfolg gegen die großen Filmstudios anstrengte.
Love, die auch als Schauspielerin schon erfolgreich war für ihre Rolle in "Larry Flynt" war sie gar für einen Golden Globe nominiert , hat sich für ihren großen Prozessauftritt schon mal bei Chanel drei Kostüme bestellt. Falls sie gewinnt, will sie aber nicht nur anständig gekleidet vor Kameras und Fotografen treten, sondern hat gleich noch einen weiteren Wunsch auf der Liste: "Ich möchte, dass das Gesetz nach mir benannt wird."
Charles R. Cross: "Heavier Than Heaven. A Biography of Kurt Cobain". Hyperion Books, New York; 400 Seiten; 24,95 Dollar.