Craig David 2Step aus der Schokoladenfabrik
Das große Vorbild des Teenie-Shootingstars Craig David ist ein bettelarmer kleiner Junge: Charlie ist der herzensgute Protagonist in Craigs erklärtem Lieblingsfilm, dem seelenvollen Musical "Charlie und die Schokoladenfabrik" (1971). Die anrührende Geschichte geht so: Der blitzgescheite Sohn einer Wäscherin ergattert bei einem Preisausschreiben das große Los und gewinnt das, wovon alle Kinder träumen: Einen Tag in der bonbonbunten Süßwarenfabrik des steinreichen Schokoladenmoguls Willy Wonka. "Mir geht es wie Charlie", erkennt Wunderkind Craig David die deutliche Parallele zu seiner eigenen Karriere. "Das Musikgeschäft", weiß der 19-jährige, "ist die Schokoladenfabrik und ich habe das große Los gezogen."
Das große Los offenbarte sich für den smarten Sänger aus Southhampton dabei zunächst in der unscheinbaren Gestalt des 2Step-Produzenten Mark Hill vom britischen Duo Artful Dodger. Craigs pfiffige Vocals für deren holpriges "Re-Rewind (The Crowd Say Bo Selecta)" machten das schmissige UK-Garage-Stück erst zum Hit. Mit dem cleveren Einbau der Textzeile "Craig David all over your - boink!" stellte der blutjunge Brite zugleich sicher, dass Vor- und Zuname des Gastsängers der Öffentlichkeit mit jedem Airplay geläufiger wurden.
Craigs kongeniale Zusammenarbeit mit Artful Dodger sollte nur der Anfang eines wahrhaft märchenhaften Aufstiegs sein - sozusagen der Raum mit dem vergleichsweise unaufregenden Esspapier in der Süßigkeitenfabrik. Die bald auf "Re-Rewind" folgende, nur noch dezent ruckelige Debüt-Solosingle hieß "Fill Me In." Das bedeutet so viel wie: Klär mich auf - doch was Soulboy Craigs Talent angeht, schien für niemanden mehr Aufklärungsbedarf zu bestehen. "Fill Me In" schoß auf Platz eins der englischen Charts und Craig wurde zum allerersten Topstar des brandneuen Dance-Genres 2Step - auch wenn die eigenen Songs des R.Kelly-Verehrers doch vielmehr wie feingliedrige, geschmeidige R&B-Nummern klingen als wie Tanzboden-kompatible 2Step-Burner.
So anschmiegsam, wonnig und lebensbejahend wie der Sound des Ex-McDonald's Verkäufers David ist auch der Ruf des zuvorkommenden Noch-Teenagers: Craig raucht nicht, trinkt nicht und Burger isst er auch keine mehr. Dafür gibt es jetzt Proteindrinks und eine ausgeklügelte Spezialkost. "Es ist doch schön, wenn die Leute mich nett finden", kommentiert Craig sein Saubermann-Image. Und ergänzt gespielt verschwörerisch: "Selbst wenn ich eine dunkle Vergangenheit hätte, würde das keiner herausbekommen. Ich bin ein diskreter Typ."
Dass er auch anders kann, zeigt der attraktive Engländer im Videoclip zu "7 Days", der erfrischend dahinblubbernden zweiten Single aus seinem Debüt-Album "Born To Do It", dass die deutschen Charts unlängst auf Platz vier enterte. In jenem Kurzfilm wird er zu Wochenanfang bei einer grazilen Schönen vorstellig - der entzückend ungenierte Refrain des Songs endet mit den Worten: Mittwoch, Donnerstag, Freitag und Samstag machen wir Liebe und am Sonntag ruhen wir uns aus.
Ein erfreuliches Ende nimmt auch Craigs Lieblingsfilm: Fabrikant Wonka ernennt den aufrechten Charlie zum Alleinerben seines Schokoriegel-Imperiums. Zur Belohnung, denn der grundgute Junge weigerte sich standhaft, dem bösen Mitbewerber für eine Menge Geld das Geheimrezept für Wonkas niemals endenden Dauerlutscher preiszugeben. "Charlie hört auf sein Herz; das Geld bedeutet ihm nichts. So möchte ich auch sein", versichert Craig David und sein vergnügtes Grinsen verrät, dass das vielleicht doch ein bisschen geflunkert ist.
Craig David: "Born To Do It" (Wildstar/Edel), veröffentlicht am 4. September 2000