Creation Records: Boxset "Artifact" zu Alan McGee und seinem Label - DER SPIEGEL
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Label-Retrospektive: Die Wurzeln des Britpop

Foto: Eugene Gologursky / CBGB / Getty Images

Creation-Records-Boxset Rückkopplungen für Millionen

Der Schotte Alan McGee erfand mit seinem Label Creation Records und Bands wie Oasis den Britpop mit. Die aufregenden ersten Jahre seines Labels wurden nun für ein Fünf-CD-Set aufbereitet.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Alan McGee Anfang der Achtzigerjahre von Glasgow nach London umzog, hatte er keinen besonderen Plan - mal abgesehen davon, dass er Popstar werden wollte. So erinnerte er sich jedenfalls in seiner Autobiografie. Allerdings sorgte der Ex-Bahnangestellte dann mit seinen Bands wie The Laughing Apple oder Biff Bang Pow! kaum für die erhoffte Furore.

Aber Alan McGee gehört zu der Sorte Menschen, die, wenn ihnen keiner einen Plattenvertrag offeriert, eben selber eine Plattenfirma starten. Der wortgewandte Schotte schwatzte seiner Bank einen Kredit über 1000 Britische Pfund ab und legte los. Allerdings setzte er sein Geld auf befreundete Talente.

Die erste Platte, in die McGee investierte, war die Single "73 in 83" des britischen Musikjournalisten Everett True, der sich bescheiden The Legend! nannte. Ein bis heute bizarrer Song, der natürlich nicht die Charts aufrollte, aber dennoch der Startschuss zu einer spektakulären Erfolgsgeschichte war.

In den Achtziger- und Neunzigerjahren sorgte McGee mit Creation Records für so viel Furore, dass dieser Tage in Hollywood tatsächlich ein Film über sein Leben vorbereitet wird. Mit Bands wie Primal Scream, My Bloody Valentine, The Jesus and Mary Chain und selbstverständlich Oasis prägte Alan McGee den britischen Gitarrenpop über Jahre, brachte die erschlaffte britische Musikindustrie wieder in Schwung, beriet den Premierminister Tony Blair und wurde selbst zum Popstar unter den Plattenfirmenbetreibern.

Die turbulenten ersten zwei Jahre seines Ladens wurden nun für das CD-Set "Artifact - The Dawn of Creation Records" aufgearbeitet. Die wie ein gebundenes Buch aufgemachte Edition bietet, neben einem üppig bebilderten und detailverliebten Booklet, fünf CDs; zwei davon sind mit allen damals bei Creation Records veröffentlichten Singles gefüllt. Ergänzt wird das durch drei CDs mit allerlei Raritäten, Übungsraum-Liedern und Radio-Sessions. "Artifact" ist so was wie "Der kleine Hobbit" zum "Herrn der Ringe", die Vorgeschichte zu einem großen Abenteuer.

Euphorie und Unbeschwertheit statt Virtuosität

Damals residierte Alan McGee noch in einem Ein-Zimmer-Apartment, ließ von jeder Creation-Single genau 700 Exemplare pressen, faltete die Plattencover und schob die kleinen Vinylscheiben dann in durchsichtige Plastikhüllen. Originalausgaben dieser kleinen Artefakte bringen längst dreistellige Beträge auf Plattenbörsen und Online-Auktionen.

Dabei sind fast alle der frühen Creation-Bands lange vergessen. Auch wenn der Chef immer so auftrat, als wenn jede seiner Bands die Beatles abhängen würde, erinnern sich nur noch Spezialisten an The Revolving Paint Dream, The Bodines, The Loft, The X-Men oder The Jasmine Minks. Nachhaltige Spuren hinterließen von den Bands der Frühphase nur The Jesus and Mary Chain und Primal Scream, mit denen McGee bereits als Teenager in Glasgow befreundet war.

Was McGee aber damals aus allen seinen Bands herauszauberte, war eine erfrischende Euphorie und ansteckende Unbeschwertheit. Der Sound seiner Bands bediente sich überwiegend bei den scheppernden Beat-Bands der Sechzigerjahre. Virtuosität war nebensächlich, die Aufnahmequalität ebenso.

Im Geiste des Punk schrammelten hier fröhliche Amateure kurzweilige Hits für ein Paralleluniversum. Als auffällig begabt fielen damals nur The Jesus and Mary Chain auf, deren erste Single "Upside Down" sich zwar die wummernden Rückkopplungen bei The Velvet Underground geborgt hatte, deren sanft eingängige Melodie aber erahnen ließ, dass McGee hier mal einen richtigen Treffer gelandet hatte. Obendrein taugten die coolen Mary-Chain-Brüder Jim und William Reid tatsächlich für Titelblätter der britischen Musikzeitschriften - so wie Jahre später die Gebrüder Gallagher von Oasis. Dazwischen liegen einige Fast-Pleiten, Nervenzusammenbrüche, Drogenabstürze und sehr viel mehr tolle Musik.

"Artifact" zelebriert die beinah vergessene Frühzeit von Creation Records mit vielen Songs, die über die Distanz von zwei, vielleicht drei Minuten von zeitlosem Enthusiasmus sind. Dass McGee vor einiger Zeit den Namen Creation reaktiviert hat und mit The Jesus and Mary Chain ein Comeback-Album vorbereitet, passt auch.

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5CD-Box; 54,99 Euro.

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