Dancehall-Reggae Comeback des Karibik-Sounds
"In Jamaika fehlt die Diskotheken-Infrastruktur. Die Musikanlagen werden deshalb auf Trucks geschnallt und mit dröhnenden Boxen von Feld zu Feld gefahren. Das sind die Soundsystems", erklärt Oliver Schrader vom Hamburger Reggae-Kollektiv Silly Walks die Herkunft des Begriffes Soundsystem - oder kurz: Sound.
Jene Vereinigungen sind die Schaltzentralen und Keimzellen der Dancehall-Kultur. Während in Jamaika "Sound" ganz konkret für die Musikanlagen der "Crews" steht, bezieht sich der Terminus in unseren Breiten eher auf die Akteure. Denn in Deutschland besitzen Crews nur in den seltensten Fällen eine eigene mobile Musikanlage. Unter einem Soundsystem versteht die deutsche Szene darum etwas weiter gefasst: Einen oder mehrere DJs, die "Selecta", sowie verschiedene MCs, welche sich zu einem kreativen Verbund zusammenschließen. Diese Sounds treten live auf und produzieren im Idealfall Vinyl-Singles für den Eigenvertrieb.
Die Soundsystems PowPow aus Köln, Silly Walks aus Hamburg, die Berliner Super Sonic und Concrete Jungle sowie Soundquake aus Detmold gehören zu den beliebtesten und aktivsten unter den rund 150 deutschen Crews. "PowPow sind dabei definitiv die Nummer eins in Deutschland," sagt Soundboy Schrader. Und ergänzt dann: "Obwohl Rankings unter Soundsystems eigentlich eine Nebenerscheinung bleiben sollen."
Eine gewisses Interesse an der eigenen Positionierung besteht dennoch für die meisten Sounds. Neben der Anzahl der Dubplates sind es vor allem die "Soundclashs", der direkte wettkampfartige Vergleich der Crews, die als offensichtliche Indikatoren für die Bedeutsamkeit eines Sounds dienen. Der Soundclash ist eine Sonderform des Plattenauflegens; ein Wettbewerb, der dem "battle", also dem verbalen Schlagabtausch um die besten Reime im HipHop in vielen Punkten ähnelt. Zwei oder mehrere Sounds treten im Wettstreit um die besten Dubplates und - was viel wichtiger ist - um die Gunst des Publikums an.
Nach einem etwa halbstündigen Set - im späteren Verlauf des Wettkampfes gar nach jedem Track - wird abgewechselt, und das Publikum entscheidet durch Applaus und Anerkennungsrufe, sprich "noise", wessen Dubplates ungewöhnlicher und origineller waren oder welche Riddims perfekter ineinander übergingen. "Wenn die Entscheidung knapp wird, zählt der direkte Vergleich - Track für Track - wie beim Elfmeterschießen im Fußball," versinnbildlicht Schrader.
Dubplates sind Spezialpressungen von Reggaestücken, die exklusiv für ein Soundsystem neu aufgenommen wurden und auf denen an Stelle des gewohnten Textes die besonderen Qualitäten des Sounds gelobt werden. Dubplates von populären jamaikanischen Künstlern anfertigen zu lassen ist meist kostspielig: Bis zu 1000 Mark kann ein einziges Special kosten. Darum sollte der Dauereinsatz jener Unikate nicht nur überteuertes Mittel zum Zweck werden, findet Schrader. "In Jamaika, wo Reggae ganz einfach Popmusik ist und die Stücke täglich auf allen Radiosendern gespielt werden, mag die Idee der Dubplates Sinn haben - um den Leuten Abwechslung zu bieten. Ich halte es als DJ für wichtiger, über einen ganzen Abend hinweg eine Stimmung aufzubauen. Das stetige Abspielen von Dubplates ist selten ein musikalischer Zugewinn."
Durchaus kann es übrigens auch passieren, dass zwei Sounds vom gleichen Künstler Specials anfertigen lassen. Allein: Lediglich eine der antretenden Crews weiß davon. So lobt der Künstler zunächst das eine Soundsystem, um dann auf dem - teureren - Dubplate der anderen Crew seine Meinung zu revidieren und jenen gewitzten zweiten Sound unterstützt: "Counteraction" heißt dieses Wechselspiel. Eine überraschende Wendung, die natürlich vor allem für das Publikum höchsten Unterhaltungswert hat. In Clubs wie der Hamburger Astrastube, dem Petit Prince Club in Köln oder der Escobar in Berlin haben die Sounds feste Abende, an denen sie entweder Platten zum Tanz auflegen - das ist die Regel - oder bei Soundclashs gegeneinander antreten.
Als deutscher Top-Sound können PowPow als einzige in diesen Disziplinen auch international bestehen: Die Sternstunde der deutschen Dancehall-Community bis heute war ohne Zweifel der Auftritt des Kölner Movements beim Worldclash in New York im Oktober 2000. Ein öffentlichkeitswirksames Spektakel, das bis dato exklusiv den Teilnehmern aus Jamaika, den USA und Japan vorbehalten blieb. "Wir wurden als erster deutscher Sound eingeladen, weil wir neben David Rodigan die derzeit erfolgreichste Crew Europas sind," erklärt Ingo Rheinbay von PowPow nicht ohne Stolz.
Wie Silly Walks arbeiten auch PowPow eng mit dem Kölner MC Tilman Otto zusammen - besser bekannt als Gentleman: Jener hat 1999 mit "Trodin On" das erste deutsche Dancehall-Album auf Four Music/Sony veröffentlicht und gehört zum Kreis der Stuttgarter HipHop-Formation FK Allstars. Für die befreundeten Sounds toastet Gentleman live und eigene Aufnahmen. Das "Toasten" ist eigentlich eine originäre Spezialität der Jamaikaner; eine Art rhythmischer Sprechgesang auf Patois, der Sprache Jamaikas, die Tilman Otto, obwohl gebürtiger Kölner, dank Jahren des hingebungsvollen Trainings perfekt beherrscht.
Längst ist es nicht mehr nur die rückwärtsgewandte Randgruppe der Hippies, die sich in Deutschland und weltweit für Reggae und die jamaikanische Kultur interessiert: "Reggae ist wunderbare Gute Laune-Musik" sagt etwa der smarte britische R&B-Star Craig David, selbst Sohn eines Reggaemusikers. Und Englands populärster Dancehall DJ David Rodigan ist ein sympathischer Anzugträger mit Halbglatze jenseits der Vierzig.
Der Jamaika-Sound scheint auch für den deutschen HipHop an Bedeutung zu gewinnen. Die Reggae-Affinität eines Jan Eißfeldts von der hanseatischen HipHop-Formation Absolute Beginner offenbarte sich unlängst in der Coverversion des Nena-Songs "Irgendwie Irgendwo Irgendwann": Ein Top-Fünf-Hit in Deutschland, 250.000 verkaufte Schallplatten - der karibische Rhythmus gefällt...