De La Soul: HipHop mit Dot.com-Ästhetik - DER SPIEGEL
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De La Soul HipHop mit Dot.com-Ästhetik

Wenn Frühvollendete älter geworden sind, Familien gegründet und eine längere Pause gemacht haben, wollen sie noch einmal einen großen Wurf schaffen. Der Versuch der New-School-Rapper De La Soul heißt "Art Official Intelligence".
Von Oliver Hüttmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

De La Souls fünftes Album ist in der Cover-Gestaltung eine Kombination aus Leonardo da Vincis berühmter Anatomie-Zeichnung und der Dot.com-Ästhetik ­ und stellt mit dem Untertitel "Mosaic Thump" den Auftakt einer Trilogie dar, die nicht weniger als den Klangkosmos des HipHop vermessen soll, dem das Trio vor gut einem Jahrzehnt eine bahnbrechende Note hinzugefügt hatte.

In den Achtzigern herrschte Krieg auf allen Musikkanälen. Public Enemy platzierten Bässe wie Bomben, N.W.A. grölten "Fuck Tha Police", Ice-T ließ Sirenen aufheulen und Ice Cube das Stakkato von Maschinenpistolen erklingen. Rap kämpfte um den bösen Ruf als der neue Rock'n'Roll.

1989 aber erschien mit dem Album "Three Feet High And Rising" ein seltsames Pflänzchen von drei studentischen Sonderlingen, die in bunten Klamotten wie eine Frühform der Teletubbies herumhüpften und ihre Finger zum Peace-Zeichen erhoben: "Somewhere in this hip-hop community were born three/ Mase, Dove and me", hieß es im Song "Magic Number" ähnlich einem Gleichnis. Die drei ­ im Christentum ja eine heilige Zahl ­ riefen mit einem Song das "D.A.I.S.Y. Age" aus. Die blumigen Initialen stehen für das Slang-Wortspiel "Da Inner Sound Y'All", was sich als "Der Klang aus dem Inneren für alle" übersetzen lässt. In der Tat sollte ihre Vision das Rap-Genre für viele Ohren öffnen ­ und HipHop zum Pop werden lassen.

Denn De La Soul setzten dem Chauvinismus des Gangsta-Rap eine verspielte, manchmal auch abstrakte Harmonie entgegen, die weiße und schwarze Musik versöhnte. Wie beim Gänseblümchen eben, schichteten sie kleinste Melodienteilchen aus Stücken von James Brown und den Beatles, Barry White und Hall & Oates übereinander, sogar Johnny Cash und bereits Beats von Public Enemy und Run DMC wurden subtil eingeflochten. De La Soul begründeten den sanften Stil der New School, das Neue Testament des HipHop, ohne das es Bands wie Arrested Development oder die Fugees nie gegeben hätte.

Danach brachten De La Soul nur drei reguläre (und magische) Alben heraus. Mit "De La Soul Is Dead" erledigten sie 1991 ihr niedliches Image als Hippies, beim Statement "Buhloone Mindstate" (1993) und ihrer Kampfschrift "Stakes Is High" (1996) legten sie die Messlatte so hoch, dass ihnen die Masse nicht mehr folgen wollte. Es wurde gar gemunkelt, das Dreigestirn würde sich auflösen.

Nun wollen De La Soul mit "Art Official Intelligence" trotz des verquasten Titels am einstigen Erfolg anknüpfen. Obwohl lange als Triple-Album geplant, wurde das Konzept gekippt ­ aus kommerziellen Gründen, da ein hoher Kaufpreis für das Mammutwerk abschrecken könnte. Teil zwei wird daher 2001 erscheinen, als Kollaborateure werden neben Gang Starr, Prince und Al Green sogar Sinéad O'Connor, Sade und Beth Gibson von Portishead gehandelt. Die dritte Platte soll sich dann mit der DJ-Kultur befassen.

Wie auch immer die Sequels klingen mögen: "Mosaic Thump" ist ebenso lockere wie famose Animationsmusik, zusammengesetzt aus einem Füllhorn von Samples und unterstützt von zahlreichen MCs und DJs wie Busta Rhymes oder Freddie Foxxx, die in diesem Mosaik ihren eigenen Stil einbringen.

Zudem funktionieren die Stücke wie Links. "Spikicker.com/ Say R." heißt das Intro, ein für De La Soul typisch-kauziges Hörspiel, das auf eine Rap-Website verweist, bei der De La Soul demnächst ihre Homepage anlegen wollen. Und am Ende wird ein Bonustrack auf der Internet-Seite ihres Labels Tommyboy offeriert. Dazwischen chatten sie in "My Writes" mit den Rappern Tash, J-Ro und Xzibit zu einer rhythmisch-quäkenden Orgel, haben sie für "Thru Ya City" funky die Melodie von "Summer In The City" der Lovin' Spoonful runtergeladen, scheinen sie sich im bollernden Old-School-Stück "Squat!" mit Mike D und Ad Rock von den Beastie Boys durch ein Computerspiel zu ballern.

"Foolin'" basiert auf Quincy Jones' Soul-Klassiker "If I Ever Lose This Heaven". Und in der Single "Oooh" surfen sie mit Redman ("All my fat bitches that want to get their fuck on tonight then go ooooh, ooooh, ooh-oooh") auf einem Schnipsel von Lalo Schiffrins trabender Melodie aus dem Bruce-Lee-Film "Enter The Dragon" zu den Porno-Galerien. Im phantastischen Video dazu haben sie eine virtuelle Wolkenkratzer-Metropole mit Figuren aus "The Wizard Of Oz" bevölkert, als sei es vom Zeichentrick-Anarcho Roger Avery inszeniert.

"Art Official Intelligence" ist kein Meisterwerk, aber ganz auf Höhe der Zeit und als schwarze Komödie allemal besser als das meiste Rap-Zeug von heute. Und womöglich erschließt sich die Magie erst, wenn sich mit den anderen beiden Teilen auch der Kreis schließt.

De La Soul: "Art Official Intelligence: Mosaic Thump" (Tommy Boy/Eastwest); veröffentlicht am 7. August 2000