Deutschrock: Maffay, der Malocher - DER SPIEGEL
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Deutschrock Maffay, der Malocher

Peter Maffay ist der ewige Steppenwolf: Bloß nicht lächeln, niemals vergnügt sein. Mit seinem neuen Doppelalbum "Laut und Leise" will der 55-jährige Rocksänger jedoch ganz behutsam alle Klischees durchbrechen, die ihn seit der dumpfen Schlagerzeit umwehen.
Von Stefan Krulle
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Oha" entfährt es einer Blondine im Publikum des Hamburger Rockclubs "Docks", "wer nicht wagt, ..." Der Anlass dieser zweifelhaften Respektsbekundung steht etwa 15 Meter vor ihr auf der Bühne: Ein kleiner, drahtiger Mann in etwas zu engem, weißem Muskelshirt (doch, die gibt's noch) und körpernah geschnittener, schwarzer Lederhose (doch doch, die auch). Diesen Mann erkennt fast jeder in Deutschland, auch wenn ihn kaum jemand wirklich kennt. Daran ist der Mann teilweise auch selbst Schuld, und so langsam hat er das begriffen. Jetzt, mit seinem ersten Studioalbum seit fünf Jahren, setzt er wie immer auf den behutsamen Wandel. Peter Maffay ist kein Revolutionär.

Maffay ist vielmehr das, was Westernhagen gern vorgibt zu sein und was Grönemeyer nie sein wollte: ein Arbeiter. So wie der Malocher nach fünf Jahren Urlaub im Wohnwagen merkt, dass er doch lieber feste Wände um sich herum hat und sich ein Häuschen an der Ostsee zusammen spart, hat Maffay nach ein paar Hits im Schlagerfeld gemerkt, dass es in Wahrheit der Rock'n'Roll ist, der ihm behagt. Doch der Malocher ist im Vorteil: Ihm hängt die Vergangenheit nicht nach. Maffay hingegen muss sich bis heute für seine Jugend als Sänger von Schnulzen wie "Du" rechtfertigen, auch wenn die Single vor nunmehr 35 Jahren in die Hitparaden kletterte und er selbst sie zur Feier seines 30-jährigen Bühnen-Jubiläums frohgemut persiflierte.

Über all die Klischees und Anfeindungen ist Maffay vorsichtig und zu einem Taktierer geworden. Wer ihm jedoch verbunden ist, ob als Fan oder Mitarbeiter, der darf sich fast grenzenloser Loyalität gewiss sein. Dass etwa auf seinen stets ausverkauften Tourneen Menschen anzutreffen sind, die sich von ihrem kärglichen Salär die Eintrittskarte abgespart haben, lässt Maffay nicht kalt. "Das ist eine Verpflichtung für uns", erzählt er im Interview. "Ich sage ganz bewusst uns, denn es wirken unheimlich viele Leute mit, um diesen kleinen Maffay erst auf so ein Plakat und dann auf eine Tour zu bringen. Der hievt sich da ja nicht von selbst drauf. Das ist also eine moralische Verpflichtung, auch wenn das jetzt dick und pathetisch klingt." Das tut es, aber bloß aus der Ferne. Der 55-jährige Sänger laboriert stetig und in kleinen Schritten. "Für mich ist Musik, ist jede Art von Kunst zuerst einmal der Versuch, Kommunikation zu betreiben." Hört sich an wie geradewegs aus dem Vorlesungssaal der Soziologen, ist aber Maffays Umgangssprache. "Hinter künstlerischer Arbeit stehen immer Fragen, die man mittels dieser Arbeit beantworten möchte. Ich kann also mit den drei Harmonien, die wir hauptsächlich spielen, Aussagen emotional untermauern, die mir wichtig sind. Dabei geht es gar nicht um weltbewegende Neuigkeiten. Das sind zwischenmenschliche Töne, ganz einfache Begriffe."

Das Wort Liebe etwa, für Maffay "auch zum 97.000. Mal neu verpackt immer noch relevant und attraktiv", findet sich auch in den Liedern seines neuen Doppelalbums "Laut & Leise" wieder. In Maffay-typische Midtempo-Songs gehüllt, die aber doch ein klitzekleines bisschen anders klingen als beim letzten Mal. Für musikalische Extravaganzen, wie sie sein Kollege Grönemeyer zuletzt vollführte, sieht Maffay sich nicht geschaffen, "Talent ist bei mir nicht in so hohem Maße vorhanden wie bei anderen, und das kompensiere ich halt durch Stetigkeit. Ich kann mich zwar über mein Leben nicht beklagen, aber ich wühle mich durch die Karriere, in kleinen Schritten. Ich erarbeite mir Positionen, ich erkämpfe sie mir geradezu. Wenn mir etwas zu schnell gelingt, kriege ich Angst vor entstehenden Hohlräumen, in die ich fallen könnte."

Das war auch schon für Außenstehende zu beobachten, wenn Maffay etwa bei Pressekonferenzen zu fast schon ausverkauften Tourneen mit vollem Ernst darauf hinwies, dass 490.000 verkaufte von einer halben Million vorhandener Karten beileibe noch kein Erfolg seien. Wenn dann gelacht wurde, guckte Maffay noch ein wenig grimmiger als sonst - und unterfütterte das Vorurteil, er sei ein humorloser Knochen.

Dabei hat der Mann Humor. Und sogar Witz! Allerdings selten öffentlich. Wo Fotografen, Presse, Zuschauer und Kollegen sind, kann Maffay sich nicht entspannen. In seiner Wahlheimat Mallorca, wo er das Haus seiner Tabaluga-Stiftung und eine Schafherde mit 350 Tieren unterhält, gelingt ihm das wenigstens dann und wann, gemeinsam mit seinem einjährigen Söhnchen Yaris und seiner Frau Tanja.

Am wenigsten wohl fühlt er sich im Fernsehen, wo ein so polarisierender Künstler wie Maffay ständig damit rechnen muss, "dass sich wieder einer auf meinem Rücken profilieren will. So nach dem Motto: Wir haben den Maffay da, und dem zeigen wir's jetzt mal ordentlich." So etwas sei für ihn nicht Sinn eines Gesprächs: "Ich bin eben nicht der Typ, der sich auf ein Sofa fläzt, schnell parliert und die Zähne bleckend den Entertainer mimt."

Dieses Jahr werkelt Peter Maffay an seiner Karriere weiter, Stein um Stein. Gerade läuft eine Clubtour durch die Republik, auf der er mit seiner leicht umbesetzten Band (die Gitarristen Frank Diez und Andreas Becker sind gegangen, der Hamburger Peter Keller ist neu dabei) nichts als die 18 Songs der neuen Doppel-CD vorstellt. Am 21. Mai fällt dann am Segeberger Kalkberg der Startschuss zur großen Open-Air-Tournee, dazwischen wird das Album weiter promotet.

Immerhin geht auch Westernhagen Ende Februar mit einer neuen CD ins Rennen der Deutschrock-Giganten. "Ich finde es legitim, dass auch andere an die Sonne möchten", sagt Peter Maffay und meint das weit weniger generös als es klingt. "Ich war nur selten neidisch im Leben und freue mich innerlich viel mehr über die Erfolge der Kollegen, als manche Leute glauben, die mich eher als verkniffenen Typen sehen. Und in meinem Umfeld, in der Arbeit, spielt auch Humor eine extrem wichtige Rolle. Meine Leute kennen mich auch am Boden liegend und Scheiße schreiend."

Da wären wir gern mal dabei.