Dillinger Girl & Baby Face Nelson: Der Sound rauchender Colts - DER SPIEGEL
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Dillinger Girl & Baby Face Nelson Der Sound rauchender Colts

Pop im Geiste des Gangsterpärchens Bonnie und Clyde: Mit ihrem Album "Bang!" stürzen sich Dillinger Girl & Baby Face Nelson in das Spiel mit amerikanischen Klischees - und wachsen über sie hinaus.
Von Thomas Winkler
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Hotel Congress wurde 1919 gebaut. Cowboys, die in Tucson ihre Rinder in Bahnwaggons verluden, waren die ersten Gäste. 1934 beehrte John Dillinger, der damals berüchtigste Bankräuber des Landes, das Etablissement und wurde verhaftet. 71 Jahre später, im November 2005 mieteten sich die Musiker Helena Noguerra und Federico Pellegrini im Congress ein und blieben unbehelligt. Ihre Mission: Songs einspielen im nahe gelegenen Waterworks Studio.

Das Ergebnis, das Album "Bang!", ist ein wundervolles Stück Musik. Aber ob es in die amerikanische Folklore eingehen wird wie die legendäre Verhaftung des Bankräubers Dillinger, bleibt noch abzuwarten. Denn im Moment, beklagt sich Noguerra, wolle niemand mit ihr über diese Musik, ihre virtuos reduzierten Duette mit Pellegrini sprechen.

Konzept-Verdacht

Das einzige, was alle wissen wollten, sei, wie es dazu kam, dass eine in Frankreich lebende portugiesisch-belgische Sängerin, Schauspielerin und Schriftstellerin zusammen mit einem französischen Songwriter, den sie kaum kannte, in Arizona ein Album aufnimmt. Warum sie sich die Pseudonyme Dillinger Girl & Baby Face Nelson zugelegt haben. Ob es erst die Charaktere gab, in die sie schlüpfen, oder ob die Songs zuerst da waren. Kurz gesagt, es hängt die Frage im Raum: Ist "Bang!" womöglich ein Konzeptalbum?

Nein, natürlich nicht, sagt Noguerra, "es ist einfach Musik" und die Verkleidung als leicht ironische Version von Bonnie & Clyde, das Spiel mit den Identitäten nur "ein Witz, ein Comic". Kaum mehr als eine flüchtige Idee, die den beiden kam, als sie sahen, in welchem Hotel sie gelandet waren: "Wir haben keine Ahnung von diesen Figuren, es gibt keine Philosophie dahinter".

Noguerra, die nicht nur alle ihre Chansons selber geschrieben hat, sondern bereits zwei Romane veröffentlichte, wollte einfach "ein amerikanisches Album" machen. Mit Pellegrini, der mit seiner Band The Little Rabbits und als The French Cowboy bereits anglo-amerikanische Vorbilder adaptierte, verband sie nichts als einige gemeinsame Freunde. Bis ihr der Gitarrist und Sänger fast zwei Dutzend Songs anbot. Statt sich, wie geplant, ein oder zwei auszusuchen, wollte Noguerra gleich ein ganzes Album lang die Gastsängerin geben. Es reizte sie, "Schauspielerin zu sein" für die Geschichten eines Fremden.


Allerdings: So ganz mag man der 36-jährigen Noguerra nicht glauben, dass ihr Alias Dillinger Girl nur einer Laune entsprungen ist. Schließlich hat sie als jüngere Schwester und ehemalige Background-Sängerin von Lio, der Nina Hagen Frankreichs, als Lebensgefährtin von Philippe Katerine, der Galionsfigur des Nouvelle Chanson, als TV-Journalistin und nicht zuletzt bei ihrem ungeliebten Broterwerb als Model ausreichend Erfahrungen sammeln können im Popgeschäft, um zu wissen, wie dessen Verwertungsmechanismen funktionieren.

Zudem ist "Bang!" nicht einfach eine Ansammlung von beziehungslos zueinander stehenden Songs, sondern ein Lieder-Zyklus. Nur mit ihren Stimmen und zur Begleitung einer einsamen akustischen Gitarre entwerfen die beiden die Geschichte eines Paares, einer beängstigenden Liebe, einer Beziehung voller Abgründe und Obsessionen. "Schlag mich hart", bittet Noguerra in "Hit", während sie in "Share" die Perspektive einer Wasserleiche einnimmt. Das Ende des Songs bleibt offen, denn "jeder Hörer soll sich seine eigene Geschichte ausdenken."

Die Schöne und das Biest

Kunstvoll stilisieren sich Noguerra und Pellegrini zur Schönen und zum Biest, immer mit einem Augenzwinkern und dabei schamlos amerikanische Klischees plündernd: "Ich liebe Amerika", sagt Noguerra, "das Land, das Kino, die Menschen". Verwundert werfen sie und Pellegrini einen Blick auf die Weite der Landschaft und fantasieren sich ein französisches Beziehungsdrama in die Ödnis der Wüste, einen Patrice-Chéreau-Film mit amerikanischen Untertiteln und einem Soundtrack von Lee Hazlewood, einen Chanson mit dem Geschmack von rauchenden Colts, oder, wie Noguerra es beschreibt, "das Baby von Johnny Cash und John Cale". Tatsächlich habe Pellegrini ihr in Tucson ständig "I’ll Be Your Mirror" von Velvet Underground ins Ohr gesummt, so lange, bis sie selber zu singen versuchte wie deren damalige Sängerin Nico. Bisweilen imitierte sie sogar deren deutschen Akzent und die knapp verfehlten Noten. Es war eine aufregende Erfahrung, sagt sie, "nur Material zu sein" für die Ideen eines anderen.

Trotzdem wird es wohl kein Sequel geben für Dillinger Girl & Baby Face Nelson. Helena Noguerra ist längst mit Neuem beschäftigt. Sie hat beschlossen, noch mehr ihrer Talente miteinander zu verknüpfen. Diesmal inszeniert sie in Paris "Et après!...", ein von ihr geschriebenes Theaterstück, "eine Monty-Phython-Boulevardkomödie mit Transsexuellen" und spielt auch gleich selbst die Hauptrolle. Und die nächsten Träume stehen Schlange: Einmal mit Pharrell Williams arbeiten, Videoclips aufnehmen, die so teuer sind wie die von Kylie Minogue, und schließlich "würde ich mir gerne mal eine Big Band leisten können". Dazu allerdings müsste sie wohl, wie John Dillinger, ihr Geld tatsächlich mit dem Ausrauben von Banken verdienen.