Dirigier-Liebling Mariss Jansons: My Darling Mariss
Dirigent Mariss Jansons Liebe. Lächeln. Leidenschaft
Kritiker-Augen verklären sich, müde Abonnenten werden wieder zu Musikliebhabern, und selbst schwierige Ensembles wie die fressen ihm aus der Hand, wenn der lettische Dirigier-Liebling Mariss Jansons zum Taktstock greift. Der 66-jährige Spätzünder, der noch immer ein Bubi-Lächeln mit einer Leningrad-Cowboy-Frisur verbindet, ist bei Kennern der fraglose Favorit unter den lebenden Dirigenten weltweit. Und das, obwohl Mariss Jansons im persönlichen Umgang ein liebenswürdiger, zurückhaltender, ja rundheraus: ein beinahe uninteressanter Mann ist.
Seit sechs Jahren Chef des BR-Symphonieorchesters, brachte Jansons durch nichts als Musik und ein schmallippiges Strahlen die Massen auf seine Seite. Der Sohn eines Dirigenten (und Schüler des legendären Jewgeni Mrawinski) vermag eine solche Begeisterung in Orchestern zu entfesseln, dass man glauben könnte, hier seien die Temperaments-Eruptionen eines mit der Klangschönheit eines verbunden und ausgesöhnt. Kunststück!
Die Pult-Pestbeule hat abgewirtschaftet
Dabei hört Jansons kompromissfähig auf Meinungen der Orchestermusiker, begründet seine Ansichten jedermann und pflegt bewundernden Kontakt auch zu anders gearteten Kollegen wie .
So viel Umgänglichkeit muss schief gehen, würde man denken. Doch Mariss Jansons ist ja nicht der einzige. Der Publikumserfolg eines Simon Rattle in Berlin, eines Andris Nelsons in Birmingham und von Gustavo Dudamel weltweit dokumentieren, dass das Klischee von der Pult-Pestbeule abgewirtschaftet hat.
Die Miesepetrigkeit der Klassik-Protagonisten, die man in früheren Generationen gewohnt war, findet keinen Anklang mehr. Sogar in München, wo man misslaunige Pult-Auratiker wie und liebte, ließ man nun ziehen, einen der letzten schwer regulierbaren Star-Egozentriker. Es besiegelte einen Paradigmenwechsel.
Jansons knackt sogar Bruckner-Verächter
Innerhalb einer schönen, vom Bayerischen Rundfunk herausgegebenen Mitschnitt-Reihe sind Mariss Jansons kommunikative Wunder jetzt gleich mehrfach zu bestaunen: In Gestalt quirlig klassizistischer -Aufnahmen. Bei einer famos durcherzählten 7. Symphonie von . Und vor allem bei einem wundervoll durchatmenden, dabei impulsiven Bruckner-Dirigat. Dessen Siebte, ohnehin das beste Einsteiger-Werk für bisherige Bruckner-Verächter, versieht Jansons mit einem epischen Sinn für gigantische Steigerungen und lange, idyllisch durchgelockerte Rastphasen.
Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks wird da mühelos seinem Ruf als größte innerdeutsche Konkurrenz der Berliner Philharmoniker gerecht.
Für alle, die Bruckner bislang als Langweiler und Linzer-Törtchen-Großbäcker der Musikgeschichte missachteten, ist dies die beste Gelegenheit, ihre Geschmacksnerven neu zu sensibilisieren.
CD Anton Bruckner: "Symphonie Nr. 7 E-Dur". BR-Symphonieorchester, Ltg. Mariss Jansons (BR Klassik 403571900100, im Vertrieb von Naxos).