Dirigenten-Legende: Klemperers steiler Mahler-Weg - DER SPIEGEL
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Dirigenten-Legende: Klemperers steiler Mahler-Weg

Foto: Erich Auerbach/ Getty Images

Dirigenten-Legende Klemperers steiler Mahler-Weg

Jubiläum! 2010 ist Gustav Mahler dran, denn der Komponist wurde vor 150 Jahren geboren. Neu klingt nicht immer gut - eine der besten Aufnahmen der 2. Symphonie von Mahler ist fast fünfzig Jahre alt. Otto Klemperer dirigierte das Riesenwerk kongenial.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gustav Mahler

Manches, was (1860-1911) komponierte, mussten seine Zeitgenossen als Zumutung empfinden: wilde Stilgemische, übergroße Orchesterbesetzungen, lange Symphonien mit Riesenchören und mehreren Gesangssolisten - der Mann stellte immense Ansprüche an Publikum und Interpreten. Als Jude sah sich Mahler häufig mit offenem und verhülltem Antisemitismus konfrontiert, aber das tat seiner Produktivität keinen Abbruch, denn er war ein Genie. Auch für ihn galt die universelle Erkenntnis von Theaterdichter Curt Goetz: "Talent kann, Genie muss!"

Zu was ein Visionär wie Mahler fähig war, zeigte er schon mit seiner 2. Symphonie, die nach einem Gedicht von Friedrich Klopstock den Beinamen "Auferstehungssymphonie" trägt. Mit den gesungenen Worten des deutschen Frühklassikers, der auf dem Weg zu Sturm, Drang und Empfindsamkeit neue literarische Formen fand, brach Mahler Ende des 19. Jahrhunderts mit der klassischen Symphonie. In den fast 80 Minuten der Stückes, an dem Mahler sechs Jahre arbeitete, passierte der Hörer eine Menge musikalischer Sationen, von der Klassik bis zur frühen Moderne, von Ländler-Idylle bis Wagner-Fülle. Solche Ideen in stringente Form zu zwingen, dazu bedarf es eines ebenso großen Geistes: In dem deutschen Dirigenten Otto Klemperer fand Gustav Mahler einen seiner prägnantesten Interpreten. Was immer Leonard Bernstein, Claudio Abbado oder Rafael Kubelik für das Werk Gustav Mahlers taten, in Klemperers Dirigaten lag schon früh alle Weisheit der Mahler-Interpretation.

Klemperer, 1885 in Breslau geboren und 1973 in Zürich gestorben, lernte Mahler noch persönlich kennen. Er förderte den jungen, talentierten Musiker und vermittelte Klemperer intime Kenntnis seiner Werke. Als 20-Jähriger durfte Klemperer unter den strengen Ohren Mahlers eben diese 2. Symphonie erstmals dirigieren und fing sich sogleich harsche Kritik des Komponisten ein. Das war 1905 in Berlin, seitdem beschäftigte sich Klemperer intensiv mit Mahlers Musik.

Brillant gesungen von Elisabeth Schwarzkopf

Klemperer, der später auch selber komponierte, gelang es Zeit seines Lebens grandios, die verzwickten Verflechtungen und oft gegensätzlichen Strömungen in Mahlers symphonischem Kosmos penibel aufzufächern und ihre komplexen Bezüge und Strukturen hörbar zu machen. Gerade Klemperers späte Aufnahmen als Chef des Londoner Philharmonischen Orchesters gehören zum Großartigsten in Sachen Mahler, das je in einem Plattenstudio erschaffen wurde. Die "Auferstehungssymphonie", 1961 und 1962 in der Kingsway Hall in London eingespielt (EMI), wird obendrein gekrönt von der nicht weniger legendären Sopranistin Elisabeth Schwarzkopf, die zu dieser Zeit auf dem Höhepunkt ihres Könnens sang. Gemeinsam mit dem bestens disponierten Chor der Philharmoniker unter William Pitz schwingen sich alle zu rauschenden Höhen und vollendetem Pathos auf, das den steilen Mahler-Weg Klemperers schon in allen Facetten zeigt. Wer beim Hören des Schlussensembles mit den Klopstock-Worten keine Gänsehaut bekommt, muss aus Stein sein.

Es überrascht auch die klangliche Brillanz dieser alten Aufnahmen, die ihre Dauerhaftigkeit auch der Arbeit von EMI-Producer Walter Legge verdankt, der in dieser Funktion eine große Zahl von epochalen Einspielungen prägte und dazu beitrug, exemplarische Aufnahmen klangtechnisch zu vollenden. Klemperers unermüdliche Suche nach perfektem, klarem Sound kam diese Ton-Akribie des Producers natürlich entgegen; der Star-Dirigent und der Top-Producer - ein Dream Team. Die Stationen von Klemperers bewegtem Leben, von den Nazis verfolgt, in den USA nicht heimisch geworden, kann man in der jüngst erschienenen Biografie "Otto Klemperer - ein deutsch-jüdisches Künstlerleben" von Eva Weissweiler nachlesen - eine fakten- und quellenreiche Lektüre.