Dirty Pretty Things: Im Schatten des Junkies - DER SPIEGEL
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Dirty Pretty Things Im Schatten des Junkies

Blöd, wenn man als Langweiler gilt: Während der ehemalige Libertines-Gitarrist Pete Doherty dank Drogensucht zur Rock-Ikone stilisiert wird, kämpft sein Ex-Kollege Carl Barât um Anerkennung. Am Wochenende trat er mit seiner Band Dirty Pretty Things in Berlin auf.
Von Andreas Hartmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist später Nachmittag. Erst in ein paar Stunden wird das Konzert beginnen, wegen dem die drei vor der Halle herumlungernden Mädchen hierher, in den Berliner Postbahnhof, gekommen sind. Die Dirty Pretty Things werden spielen, die aktuelle Lieblingsband von Franziska, Ines und Josephine. Eine Platte gibt es von der Band bislang noch gar nicht, und dennoch sind die drei bereits treu ergebene Fans. So weit geht die Leidenschaft, dass sie am Abend zuvor die Dirty Pretty Things bereits in Köln gesehen haben und nun kurzerhand mitgereist sind, um auch noch den zweiten und letzten Auftritt der Band auf ihrer Kurztournee durch Deutschland mitzuerleben. Ines trägt immer noch dieselben Jeans wie auf dem Kölner Konzert, sie sind ganz aufgewetzt und voller schwarzer Flecken, weil sie in der ersten Reihe gestanden hat und andauernd vom Pulk gegen die Bühne gedrückt wurde.

Lange Zeit hatten es die Mädchen nicht leicht, und auch jetzt ist immer noch alles ziemlich kompliziert. Denn eigentlich sind sie Fans der Libertines, die noch vor Franz Ferdinand und den Arctic Monkeys vor allem in Europa eine ungeahnte Begeisterungswelle für ungestümen und typisch britischen Punkrock auslösten. Doch so heftig die Libertines einschlugen, so kurz war ihre Lebensdauer. In zwei Jahren erschienen zwei Platten, dann war Schluss. Die Band löste sich nicht einfach auf, sie demontierte sich selbst und wurde von einer selbstzerstörerischen Dynamik zerrissen, wie sie seit den Sex Pistols wohl keine andere englische Band erfasst hatte.

Das Ende der Libertines markiert den Beginn einer Seifenoper, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Ein Rockdrama wird hier erzählt, in dem es um zerbrochene Freundschaft, Verrat, Missgunst, Selbstaufgabe und eine wunderschöne Frau geht. Die Frage, ob es noch ein Happy End geben wird, ob sich die ehemaligen Freunde wieder versöhnen werden, wie es sich Franziska, Ines und Josephine erhoffen, stellt sich derzeit nicht. Schließlich sind die Dirty Pretty Things zwar rein personell die legitimen Nachfolger der Libertines, doch ob sich diese Wahrnehmung auch in der Öffentlichkeit durchsetzen wird, ist äußerst zweifelhaft. Denn diese ist noch viel zu sehr mit den anderen Libertines-Erbverwaltern beschäftigt, mit den Babyshambles, der Band des ehemaligen Libertines-Gitarristen Pete Doherty.

Doherty-Mania

Der galt schon kurz vor seinem Ausstieg bei den Libertines als gefallener Engel, als "bad boy of Rock'n'Roll". Er nahm Crack, Koks und Heroin, jede harte Droge, die er bekommen konnte. An planmäßige Auftritte war mit ihm bald nicht mehr zu denken. Auf einer Tour Ende 2004 zog Carl Barât, der Sänger der Libertines, die Notbremse und ersetzte seinen ehemaligen Freund durch einen Mietgitarristen. Doherty galt in der Folge als hoffnungsloses Drogenwrack, dem nicht wenige den sofortigen und kompletten Niedergang prophezeiten.

Doch alles kam ganz anders. Doherty brachte trotz der in britischen Boulevardmedien genüsslich sezierten Drogengeschichten mit den Babyshambles eine gefeierte Platte heraus, kam mit Model Kate Moss zusammen, dem glamourösesten Mädchen der Welt. Seitdem grassiert nicht nur in England die Doherty-Mania. Der wilde Rebell verbrennt nun seit einiger Zeit vor den gebannten Augen der Klatsch- und Poppresse und lebt sein junges Leben aus, um nicht erst alt werden zu müssen, um zu sterben. Spätestens seit den skandalträchtigen Fotos, die Kate Moss beim Koksen zeigen, während Doherty ihr dabei zusieht, hat er neben der Schönen bereitwillig die Rolle des Biests übernommen. Nach den goldenen Regeln des Rock'n'Roll hat Pete Doherty also alles richtig gemacht.

Sein früherer Bandkollege Carl Barât gilt währenddessen als Langweiler, als einer, der die Erfüllung schnöder Verträge mit Konzertagenturen über die Freundschaft mit seinem orientierungslosen Gitarristen gestellt hatte. Die beiden hätten ja auch gemeinsam untergehen können, um vielleicht irgendwann wieder gemeinsam aufzutauchen. Doch wo war Barât, als der Jüngere von den beiden den Vernünftigeren wirklich brauchte? Beschäftigt mit der Erfüllung seiner Pflichten. Gemessen an den Rock'n'Roll-Regeln hat Carl Barât so ziemlich alles falsch gemacht.

Müde und zerfahren

Er wird es deshalb schwer haben mit seiner neuen Band. Und das liegt nicht nur daran, dass deren Ende Mai erscheinendes Album nur nach einem schlappen Aufguss der Libertines-Formel für rotzigen Punkrock klingt und im direkten Vergleich zum Debüt der Babyshambles deutlich abfällt. Nein, vor allem bei der Frage nach der Glaubwürdigkeit – dem höchsten Gut der Rockmusik - wird Barât wohl niemals mit seinem ehemaligen Freund mithalten können. Die Babyshambles kamen aus dem Nichts. Niemand hatte nach allen Exzessen Dohertys so schnell mit ihnen gerechnet, sie scheinen dem echten Verlangen entsprungen zu sein, nochmal alles auf eine Karte zu setzen und ungestüm weiterzurocken. Barât dagegen hat sich nach dem Ende der Libertines vollständig zurückgezogen, außerhalb Londons verloren vor sich hingegrübelt und nun mit den Dirty Pretty Things eher eine schwächliche Retortenband gegründet. Der übermächtige Schatten der Pop-Ikone Doherty dräut über ihnen wie eine dunkle Wolke.

Im Gespräch wirkt Barât verbraucht, müde und zerfahren. Andauernd nestelt er an seiner Hose herum, und immer wenn die Rede auf Pete Doherty kommt, fängt er an, unverständlich vor sich hin zu nuscheln. Seine Plattenfirma hat beim Interview deswegen den Bassisten Didz Hammond daneben gesetzt, der wie ein Souffleur alle Fragen zu Doherty beantwortet. Was vor allem dann reichlich absurd wirkt, wenn es um Fragen geht, die sich direkt um Barâts Gefühle gegenüber seinem alten Kumpel und Mitstreiter drehen.

Die Probleme, von denen man eigentlich dachte, Doherty würde sie bekommen, belasten nun Barât: Er scheint noch nicht reif für einen Neubeginn zu sein und kann mit dem Druck nicht umgehen. Das Berliner Konzert der Dirty Pretty Things entfaltet dann auch keinerlei Magie. Die Band scheint mehr einem äußeren Zwang statt einem inneren Drang entsprungen zu sein. Der Auftritt wirkt wie eine Pflichterfüllung, als müsse Barât einmal mehr das tun, was von ihm verlangt wird. Die Band ist fahrig, nicht richtig aufeinander eingespielt, verströmt einfach keine Energie. Die neuen Songs wirken schlapp, und die wenigen, die noch von den Libertines stammen, klingen schlichtweg zu wenig nach dem ungezügelten Sturm und Drang der echten Libertines.

Franziska, Ines und Josephine macht das nichts aus. Sie hoffen nur, dass sie ihr Herz bald wieder nur einer Band, der echten Band, schenken dürfen. Nichts, so meinen sie, beschreibt ihre derzeitige Lage besser als der Libertines-Song mit dem bezeichnenden Titel "The Good Old Days". Ihm entnehmen sie die Hoffnung, solange an die Liebe und die Musik glauben zu können, solange das auch ihre Idole tun. Ob Carl Barât weiß, welche ungeheure Verantwortung er gegenüber seinen Fans hat?