E-Mail aus Hollywood Eminem - Texte wie Pistolenschüsse
Eben war Doug Morris, Chef der Universal Music Group, Zeuge eines Coups geworden, den er selbst eingefädelt hatte: Da standen, in friedlicher Eintracht, der homosexuelle Romantiker Elton John, der jedes Hotelzimmer mit dutzenden Blumen-Bouquets dekorieren lässt, und der homophobe Rapper Marshall Mathers III, auch als Eminem bekannt, gemeinsam bei der Grammy-Verleihung auf der Bühne.
Doug Morris war beglückt. Er ließ sich im Restaurant "Cicada" an seinem Ehrentisch nieder und wartete auf die Gäste, die er zu einem Gala-Empfang gebeten hatte. Elton John trat, begleitet von drei Leibwächtern, nahezu euphorisch an Morris' Tisch: "Toll, was der Junge drauf hat, ein unglaubliches Talent," lobte er seinen Partner Mathers. "Der wollte proben und proben."
Ein Phänomen, dieser 28-jährige Mathers. "Ohne Zweifel", wertete "Newsweek", "ist er die faszinierendste Figur im Bereich der Popmusik". Von seinem Album "The Marshall-Mathers-CD" wurden im letzten Jahr 13 Millionen Stück verkauft.
Glaubt man den Großen des amerikanischen Musikgeschäfts, dann hat die Zukunft für Eminem eben erst begonnen. Bei einer Befragung unter 22 Top-Managern, welche Künstler in den nächsten sieben Jahren die meisten Alben absetzen würden, tippten die meisten auf Eminem. Mit seiner neuen Gruppe D-12 (der weiße Eminem plus fünf schwarze Detroit-Rapper) provozierte der Star nun ein weiteres Mal. Proteste seitens der Politiker und empörte Aufschreie aus der Bevölkerung sind programmiert. "Devils Night" heißt die aktuelle CD, auf der einmal mehr Gewalt glorifiziert wird und Ghetto-Kultur in Wort und Rap-Rhythmus zum Ausdruck kommt.
Im Herbst wird der "Magnet der Kontroversen", so das Hollywood-Branchenblatt "Variety", für den Streifen "Fight Song" erstmals vor die Filmkameras treten. Die Geschichte ist ganz auf ihn zugeschnittenen, sie erzählt den Aufstieg eines Rappers aus der Gosse zum Glamour. Mathers spielt eine fiktive Figur, singt allerdings seine eigenen Songs, die er gemeinsam mit dem erfolgreichen schwarzen HipHop-Produzenten Dr. Dre komponiert. Regie führt Curtis Hanson ("L.A. Confidential"). Dabei soll es nicht bleiben: Das nächste Solo-Album Eminems wird wahrscheinlich im Dezember veröffentlicht.
Eminem ist clever, "streetsmart", das heißt gerissen wie ein Straßenköter. Der weiße Rebell, der seinen Vater nie kannte, mit seiner Mutter als Heranwachsender von Untermiete zu Untermiete zog und dann in einem "Trailer-Park", einer Wohnwagensiedlung der Entwurzelten (über-) lebte, steht sinnbildlich für das andere weiße Amerika, für das der Armut.
Weiße Kids wie Mathers stehen über Monate an Straßenecken und warten auf "action", einen Kokain-Deal oder eine Keilerei. Sie spielen, wie auch Eminem, Basketball, Stunde um Stunde. Oder sie verlieren sich in Musik. Marshall, so will es seine Legende, hat seinen Frust, den Hass, die Gefühle der Einsamkeit und Entbehrung, bereits als neunjähriger Junge herausgerappt.
Der Ton, der Rhythmus, steckt in ihm: Er kann in einer Unterhaltung mit seinen D-12-Genossen plötzlich abbrechen, einfach so, und im Rap-Rhythmus singen: "Fuck your mother. Kill your father. Fuck everybody, jump off a bridge, blow up a building, do it now." Die Kumpels klatschen in die Hände.
Die Wurzel allen Übels ist nicht die verbale Entgleisung des Rappers, sondern die Welt, in der sich diese Sprache entwickeln konnte; ihre markigen Sprüche machten die schwarzen Rapper zu Multi-Millionären und Vertretern eines neuen Musikstils, der die US-Gesellschaft erschreckte und den Plattenfirmen satte Gewinne bescherte. Der HipHop-Umsatz wird auf zwei Milliarden Dollar jährlich geschätzt.
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