Echo-Verleihung: Ayman, Appelt und der erboste Bundespräsident - DER SPIEGEL
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Echo-Verleihung Ayman, Appelt und der erboste Bundespräsident

Der große Sieger des Deutschen Schallplattenpreises "Echo 2001" heißt Ayman. Zwei der begehrten Preise bekam der aus Tunesien stammende Soulsänger verliehen - bei einer Veranstaltung, die jede Menge Peinlichkeiten zu bieten hatte.
Von Harriet Dreier
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In Anwesenheit von Bundespräsident Johannes Rau vergab die Deutsche Phono-Akademie zum zehnten Mal den begehrten Preis für Popkünstler aus dem In- und Ausland in 30 Kategorien. Die Nominierung der angeblich geläuterten Rechtsrocker Die Böhsen Onkelz und des wegen seiner Gewalttexte umstrittenen US-Rappers Eminem sorgten schon im Vorfeld für Kritik. Aber die Plattenbranche ist ein hartes Geschäft und setzt auf Erfolg - und den bestimmen die Verkaufszahlen, nicht der persönliche Geschmack.

So lässt sich auch erklären, warum zum siebten Mal die Kastelruther Spatzen aus Südtirol den Preis in der Kategorie Volksmusik abräumten, wieso Helmut Lotti im Bereich Crossover Klassik gewann oder warum die Schülerband Pur so lange am Leben bleiben konnte und dafür auch noch von Dirk Bach den Echo in die Hand gedrückt bekam.

"Irgendjemand muss die Platten ja hören", rätselte auch Laudatorin Bärbel Schäfer, die Wolfgang Petry seine Trophäe für den deutschen Schlager mit tapferem Lächeln überreichte - letztes Jahr durfte sie beim Echo noch Ricky Martin küssen.

Der Latino-Mädchenschwarm legte zwar auch bei der diesjährigen Gala eine heiße Bühnenshow hin, doch die Moderatorin sah es eher gelassen, hatte sie doch Michel Friedmann an ihrer Seite. Das verschaffte den Klatschspalten wenigstens etwas Gesprächsstoff, denn Sabrina Setlur kam ohne Begleitung. Manche hatten noch auf Boris Becker an ihrer Seite gehofft.

Das verträumte Schäfer-Stündchen mit Friedmann wurde jäh unterbrochen, als Bärbels Talk-Konkurrentin Sonja Zietlow die erfolgreichste nationale Rock-Pop-Single präsentierte. Zietlow kam erst auf ihren Hund mit seinen unappetitlichen Würmern zu sprechen und leitete dann durch die Brust ins Auge schließlich irgendwann auf den Ohrwurm "Anton aus Tirol" von Anton feat. DJ Ötzi. An einem so scharfsinnigen Wortspiel hatte auch Schäfer ihren Spaß, deren Grinsen von einer Kamera via Großbildschirm dem ganzen Saal zuteil wurde.

Apropos Bildschirm: Johannes Rau und seine Frau Christina waren "not amused". Als Ingo Appelt zu einer plumpen Witzattacke gegen Fischer ausholte, verzog der Bundespräsident für das gesamte Publikum sichtbar schmerzhaft das Gesicht und seine Gattin keine Miene. Auch dem Spaßmacher entging's nicht, und er legte nach: Der Komiker empfahl Jürgen Trittin, sich wegen der Sache mit Laurenz Meyer zu entschuldigen - die Skinheads seien immer noch sauer, und Rau bot er an, er dürfe ihn, Appelt, zur Abbitte wegen seiner Frechheiten mit zwei Holzbalken als Jesus-Bausatz an Stoiber schicken.

Trotz aller Bemühungen - Appelts Humor stieß beim Publikum auf taube Ohren - nicht mal eine Nominierung sprang für ihn heraus. Den Preis für die beste Comedy-Leistung trug Michael Mittermeier davon. Wenn Appelt schon nicht die Lacher haben konnte, dann doch wenigstens den ungekrönten Sieg in der Kategorie peinlichste Nummer des Abends. Berlins Kultursenator Christoph Stölzl kommentierte später: "Das war ziemlich daneben."

Aber was ist schon ein Ingo Appelt im Vergleich zu Ricky Martin, Janet Jackson, Destiny's Child, Sade, Xavier Naidoo oder Mel C.? Nicht nur Mädchen kreischten wie besessen oder schwenkten Autogrammhefte, als die Mega-Stars ihr durchgestyltes Bühnenprogramm vorführten - von Laserlicht und Pyrotechnik in Szene gesetzt und mit akrobatischen Tanzeinlagen und Background-Chor verschönt. Das Publikum ging mit: Als die Sängerin Jeanette sich unter einem Strom von Freudentränen für ihren Echo in der Kategorie Künstlerin National Rock/Pop bedankte, kramten etliche die Softies-Packungen vor Rührung heraus.

Nicht nur die auftretenden Künstler, auch die Laudatoren konnten sich sehen lassen: Blümchen, Verona Feldbusch, Vanessa Mae, Alexandra Kamp und Cosma Shiva Hagen brachten den Schallplattenpreis der Deutschen Phono-Akademie an die Sieger. Ulknudel Gabi Köster brachte es auf den Punkt: "Liebe Bäcker, Ex-Lehrer, Automechaniker und wer sonst jetzt so alles Musik macht ..."

Absoluter Gewinner des Abends war der 24-jährige Ayman aus Berlin, der mit "Mein Stern" als bester nationaler Rock- und Popkünstler die Altrocker Peter Maffay und Marius Müller-Westernhagen abservierte, aber auch die Publikumslieblinge Stefan Raab und Sasha wegschmettern konnte. Einen weiteren Echo erhielt der Soulsänger, der von Lionel Richie vorgestellt wurde, als "Nationaler Newcomer".

Schade nur, dass die After-Show-Party nicht so recht in Fahrt kam. Zwischen Goldfischgläsern, Eisskulpturen und groovigen Sounds tummelten sich die Partygäste auf zwei Etagen, darunter Sonya Kraus, Heinz-Rudolf Kunze, Vicky Leandros, Rosenstolz und DJ Bobo am Buffet. Die eigentliche Party fand ohne Presse in den Galerien darüber statt: linker Aufgang BMG, rechte Seite EMI und Universal. Doch auch die Musikmacher konnten Ricky Martin, Janet Jackson und Destiny's Child nicht in dem siebziger Jahre Flughafenflair des ICC halten. Robbie Williams, ebenfalls unter den Nominierten, war gar nicht erst erschienen, dabei hätte er es wirklich nicht weit gehabt. Gerade erst war er beim Fußball in München gesehen worden.