Album der Woche mit Ed Sheeran »Tatsächlich… Liebe«, das Hörbuch
Musiker Ed Sheeran
Foto:Dan Martensen / Warner Music
Album der Woche:
Ob sich eigentlich schon US-Superstar The Weeknd bei Ed Sheeran gemeldet hat, um sich zu beschweren, dass der nicht minder populäre britische Kollege ihm fürs Video zum Megahit »Bad Habits« Stilistik und Visuals gemopst hat, um auch mal ein bisschen bad ass zu wirken? Wahrscheinlich nicht. Selbst wenn sich Sheeran im pinken Sakko und mit viel Augen-Make-up zum »Joker«-Verschnitt zurechtmachen lässt, nimmt man ihm das Vampirmonster nicht ab. Gefährlichkeit ist nicht sein Game, und übel nehmen kann man ihm ohnehin schon lange nichts mehr. Der Mann, 30 Jahre alt, über 150 Millionen verkaufte Tonträger, ist die personifizierte Knuffigkeit. Wohl jeder hat sich schon mal dabei ertappt, wie er einen seiner allgegenwärtigen Songs mitsummt. Ärgern muss man sich darüber nicht: Ed Sheeran ist einfach ein verdammt guter Songwriter. Zumindest, was Pop-Ohrwürmer betrifft.
Sheeran ist befreundet mit dem Filmemacher und Drehbuchschreiber Richard Curtis, die beiden haben Anwesen in derselben Nachbarschaft in Suffolk. Curtis ist bekannt für seine sehr britischen, kitschig-komischen Rom-Coms, die auch bei uns zu Dauerbrennern im TV geworden sind, vor allem zu Weihnachten, das ja bald wieder droht: »Vier Hochzeiten und ein Todesfall«, »Notting Hill«, »Tatsächlich… Liebe«; Curtis schrieb sie alle. Nahezu zwangsläufig spielte Nachbar Sheeran im jüngsten Film von Curtis mit, der niedlichen Beatles-Komödie »Yesterday« – als er selbst. Und nahm sich dabei so entwaffnend selbst auf die Schippe (»Hey Dude?«), dass man ihn spätestens danach ins Herz schließen musste. Ging zumindest mir so.
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Wie ein Curtis-Skript funktioniert nun auch sein viertes Album »=« (lies: »equals«), mit dem er seine vor zehn Jahren mit »+« begonnene Mathe-Tetralogie vorerst abschließt: Man wehrt sich anfangs noch gegen die offenkundige emotionale Manipulation, dann aber lässt man sich gefühlsselig ins Sofa sinken und gibt sich hin. Man schmunzelt über Slapstick und Peinliches, man schnüffelt und weint, wenn’s rührselig wird: »Love Actually«, das Hörbuch.
Zunächst glaubt man jedoch, die einzige Überraschung des Albums, dass man auf der neuen Platte von Bryan Adams gelandet ist (Die heißt übrigens, nicht unpassend, »So Happy It Hurts«, erscheint aber erst im März), so ungewohnt laut dröhnt das Gitarrenriff von »Tides«, so Adams-artig sind Gesang und Strophenaufbau. Spätestens im Refrain, wenn Sheeran ins Falsett fällt, ist der Effekt aber perdu. Im Text geht es darum, wie sich die Gezeiten seines Lebens mit der Geburt seiner Tochter im vergangenen Jahr verändert haben – ein klassisches Pop-Thema für 30-Jährige, vom großen Simplifizierer Sheeran so routiniert auf den Punkt gebracht, dass er nicht mal mehr ganze Sätze dafür bilden muss: »Life is changing… tides«. Tja.
Danach kommen erst mal die dem musikalischen Charts-Trend angebiederten Pop-Hits: »Shivers« ist ja eigentlich eine unfreiwillige Coronazeit-Hymne: »When you’re close up/Give me the shivers, baby/ You burn so hot« – Du kommst mir zu nahe? Mit Fieber? Spinnst Du!? Sehr lustig… oder auch nicht, wenn man bedenkt, dass der arme Ed gerade mit Covidinfektion in Quarantäne ist. Aber in keinem Fall so sexy, wie es gemeint ist. »Bad Habits«, siehe oben, erklärt, dass die einzige schlechte Angewohnheit des domestizierten Barden zu sein scheint, seine Abende und Nächte allzu oft im Studio oder am Telefon zu verbringen, statt zusammen mit Frau und Kind. Wow, ganz schön reckless.
Ehefrau Cherry Seaborn und Tochter Lyra Antarctica sind dann auch das bestimmende Thema in den folgenden zehn Songs. Wembley vor 80.000 Leuten spielen? Alles nicht so geil wie der erste Kuss mit dir, singt er der Gattin in »First Times« zu, danach wird’s allerdings etwas arg seifig mit »The Joker and The Queen« oder »Leave Your Life«; schlagerhaft Galoppierendes wie »Collide« könnte er auch im Duett mit Helene Fischer singen, musikalisch würd’s passen, inhaltlich sowieso.
Über das in die Balladen eingestreute Gesangsskill-Flexing »2Step« kann UK-Garage-Veteran Craig David wahrscheinlich auch nur noch müde lächeln: Hallo, hier sind die Nullerjahre, wir wollen unser Genre zurück.
Aber egal. Während man sich noch fragt, ob sich Sheeran bei seinen neuen Songs nicht vielleicht ein ganz kleines bisschen mehr Mühe hätte geben können, kommt gegen Ende sogar noch das Sandmännchen (die Sandperson?) mit Ukulele, Marshmallows und Mobile über dem Bettchen – und das Album wird letztgültig zum anheimelnd harmlosen FSK-6-Entertainment: Teddy Sheeran, jetzt auch für die ganze Familie. Wer will da noch als mies gelaunter Kritiker die besinnliche Stimmung verderben? Pssst! Mensch, die Kleine ist gerade eingeschlafen!
»Be Right Now«, das Schlussstück, ist dann wohl irgendwie vom neuen Coldplay-Album rübergerutscht. Passt aber bestens als Emo-Banger für den Abspann dieses gemütlichen Blockbusters. Fehlt nur noch Hugh Grant. Aber bitte mit rot gefärbten Haaren. (4.0)
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Kurz abgehört:
Tori Amos – »Ocean To Ocean«
»It has been a brutal year«, singt Tori Amos auf ihrem neuen Album – und spricht uns damit wohl allen aus der Seele. Im dritten Lockdown (britische Rechnung), isoliert mit Ehemann und Tochter in Cornwall, krochen der US-Songwriterin Dämonen aus allen Winkeln ihrer Seele entgegen, wie die nächtlich terrorisierenden Kriech- und Krabbeltiere in ihrem neuen, lustigen Song »Spies«.
Von einem ihrer besten Alben zu sprechen, ist bei Amos, die in fast 30 Jahren noch nie etwas wirklich Mieses oder Egales veröffentlicht hat, schwierig, aber es ist sicher ihr intimstes seit Langem. Es geht, mit manchmal allzu gediegener Adult-Pop-Produktion und den gewohnt umwerfenden Piano-Balladen, um den Abschied von der verstorbenen Mutter (»Speaking With Trees«), Sehnsucht und Einsamkeit (»Swim To New York State«), Angst um die Natur (»Ocean To Ocean«) und noch einmal über ihr einst in »Me And A Gun« thematisiertes Vergewaltigungstrauma (»29 Years«) – insofern knüpft ihr 16. Studioalbum an ihr Debüt »Little Earthquakes« von 1992 an, aber natürlich mit mehr Reife und Selbstheilungskraft (»Metal Water Wood«). Vielleicht haben ihr die mythischen Cornish piskies mit ihren Zauberkräften geholfen – und die reinigende Kraft des Ozeans, wenn man an den Klippen steht. (8.2)
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Kuoko – »Kuoko«
Dem Flüstern des Ozeans hört auch die Hamburger Selfmade-Elektronik-Musikerin Jasmine Quach alias Kuoko auf ihrem sehr schönen Debüt zu. Doch von der harmonischen Sanftheit des Eröffnungsstücks »Ocean Whisper« und der Intimität dieses Bedroom-Pop-Albums soll man sich nicht täuschen lassen: in »Yellow Fever Gaze« geißelt sie Rassismus und die Stereotype, mit denen die Sängerin und Allround-Künstlerin mit Wurzeln in Vietnam alltäglich konfrontiert ist, »Perfect Girl« ist ein feministischer Tanz- und Battle-Track gegen patriarchalisch verordnete Schönheits- und Verhaltensregeln. Kuokos schön altmodische Klickerklacker-Beats, zu denen sie Modular- und Synthesizer-Sounds arrangiert, sind sparsam, aber effektiv. Sie öffnen Räume für ihren verträumt wirkenden, aber klaren und hellwachen Gesang, der eine berührende Verletzlichkeit offenbart. Bald kein Geheimtipp mehr. (7.5)
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The War On Drugs – »I Don't Live Here Anymore«
Raten Sie mal, wie Adam Granduciel, Sänger und Songwriter der US-Rockband The War On Drugs, seinen jetzt zweijährigen Sohn genannt hat: Bruce. Nach Springsteen. Kann man machen, wenn man ohnehin dauernostalgisch drauf ist und den Sound von Synthie-lastigen, schwelgenden Alben wie »Tunnel of Love« oder »Human Touch« liebt, nicht gerade die stärkste Phase in der Karriere vom »Boss«. Ein bisschen Tom Petty, Bob Dylan und Daniel Lanois aus den Achtzigern schwingt nun auf dem fünften Album der zum Stadien füllenden Blockbuster erwachsenen Band auch mit, wenn nicht Grausamkeiten von Mike & The Mechanics oder Phil Collins (»Victim«). »Oh Mercy« möchte man daher ausrufen, so poliert, domestiziert und saturiert klingt das, zu Bruce-Hornsby-Piano oder Gitarrengemucke im stumpfen Viervierteltakt. Rock’n’Roll lebt hier jedenfalls nicht mehr. (3.0)
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Tristan Brusch – »Am Rest«
Der hat doch 'ne Meise, nee, Quatsch, Taube! Eine Luftratte, die ein Riesenstück Dönerfleisch ergattert. Findet Tristan Brusch, Extrem-Chansonnier und Schlager-Anarcho aus Kreuzberg by way of Gelsenkirchen, niedlich – und stellt sich fürs Video im Hochzeitskleid mit Gitarre auf eine Leiter in der Pampa, um den »Abschaum« zu besingen, bei dem er sich wohler fühlt als bei all den Heuchlern im Mainstream. »Am Rest« stochert in den allerletzten Abgründen des Lebens herum, an deren Rändern er sich gerade noch festhält, wie im schönen Titelsong – oder sich hineinplumpsen lässt wie in »2006«, das vom Tod seiner Ex-Freundin handelt. Uff. Dazu gibt’s manierlich gezupfte Livegitarre und Element-of-Crime-Besinnlichkeit, die aber jederzeit in hässlichen Noise umkippen kann. »Herein, herein, herein, immer alles in die Fressfotze rein«, brüllt Brusch in »Zwei Wunder am Tag« seinen Selbst-, Welt- und Konsumekel in die Welt. Zuhören auf eigene Seelengefahr. (7.0)
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Wertung: Von »0« (absolutes Desaster) bis »10« (absoluter Klassiker)
Mittwochs um Mitternacht (0.00 Uhr) gibt es beim Hamburger Webradio ByteFM ein »Abgehört«-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte. Seit 1. Januar 2022 sendet ByteFM in Hamburg auch auf UKW (91,7 und 104,0 MHz).
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