Popstar Uffie: Tanzen, trinken, ausflippen
Electro-Queen Uffie Feiern, bis der Hit kommt
Uffie ist 22 Jahre alt, klein, blass, blond, am Hals tätowiert und wird seit ungefähr vier Jahren im Internet als Pop-Sensation gehandelt. In Montmartre, dem Touristenviertel der französischen Hauptstadt, hat Uffie sich an diesem Vormittag stundenlang fotografieren lassen. Eine Pause danach lehnt sie ab. Keine Zeit. Alles muss jetzt schnell gehen. Mehr als 17 Millionen Mal wurden ihre Songs bei MySpace angeklickt, was sie zur Electro-Queen des World Wide Web macht - nun soll die reale Welt folgen. Wenn nun Uffies seit langer Zeit in Aussicht gestelltes Debütalbum "Sex Dreams And Denim Jeans" erscheint, wird sich zeigen, ob dem Online-Getöse das Chart-Gebrause folgt.
Es hilft schon mal, dass das Album Uffies Ruf tatsächlich gerecht wird: eine herrliche Platte randvoll mit knallenden Electro-Hits. Sommermusik mit Bass und Schmiss für Clubs, Cabrios, Großstadtstrände. Programmiert wurde Uffies Debüt von weltweit gefragten hippen Electro-Produzenten aus Paris wie Mr. Oizo, SebastiAn, Feadz und vor allem dem Könner Mirwais, der bereits Madonna ("Music") auf Trab brachte. Hinzu kommen Gäste wie HipHop-Champion Pharrell Williams und Matt Safer, der mal bei The Rapture mitgemacht hat.
Nach der digital befeuerten Rasanz ihrer Karriere ist Uffie nun damit beschäftigt, selbst Werbung zu machen, damit ihr Album auch wirklich ein Renner wird. Zum Beispiel mit leicht ironisch gebrochener Bescheidenheit: "Ich bin hier wirklich total ungeplant reingeraten", sagt Uffie vergnügt. "Vom Musikmachen habe ich absolut keinen Schimmer!" Entsprechend verkündet sie in einem Song ihres Albums: "I never claimed to be an artist. I can't even sing" ("Our Song")!
Turbulente Jetset-Jugend in Paris
Uffie heißt eigentlich Anna-Catherine Hartley, wurde in den USA geboren, hat lange in Hongkong gelebt, wo ihr Vater eine Jeansproduktion betrieb, und ist nach einer turbulenten Jetset-Jugend als Teenager in Paris hängengeblieben. Sie besuchte die Internationale Schule und studierte Mode. Als sie mal eine Party organisierte, engagierte sie einen hippen Pariser DJ namens Feadz und verliebte sich in ihn. Der beschwatzte Uffie, zu einer von ihm programmierten Melodie zu singen, zu brabbeln, zu rappen - egal - irgendeinen Text könne sie gern mitbringen. Heraus kam "Pop the Glock", was gaga klingt und in den Südstaaten der USA ein Slangausdruck für kollektives Durchdrehen ist, erläutert Uffie: "Tanzen, trinken, ausflippen - eben einfach nur Spaß haben".
"Pop the Glock" entwickelte sich in Lichtgeschwindigkeit zum globalen Underground-Hit. Was wohl der minimalistischen, aber eingängigen Melodie zu verdanken war sowie dem charmant ungelenken Gesang, aber auch Uffies anspielungsreichem Text. Laszives wie "Boys call me when they feel freaky hot" schnurrt sie da und dass alles letztendlich auf Sex hinauslaufe. Was wie eine schlüpfrige Altmänner-Phantasie klingt, ist aber vielmehr Ausdruck einer selbstbewussten hedonistischen jungen Frau, die wild die Puppen tanzen lässt. "Meiner Mutter sind die Texte peinlich, sie meint, ich solle mich mäßigen. Sie ist einfach zu alt für solche Späße", sagt Uffie, für die alle über 35 "richtig alt" sind.
Mit "Pop the Glock" sei sie dann dreimal um die Welt gereist, sagt sie amüsiert. "Ich gab Konzerte von Madrid bis Tokio, verlor das Gefühl für Zeit und ließ mich einfach mitreißen", erinnert sie sich. Die "Konzerte" waren meist halbstündige Spektakel, bei denen Uffie in Ermangelung von Material überwiegend wild drauflosimprovisierte.
Und dann kam auch noch eine Ersatz-Uffie namens Ke$ha
Dass sie für diesen Party-Zirkus ihre Ausbildung abbrach, störte ihren Vater ("ein Freigeist") wenig, aber ihre Mutter war "entsetzt". Es folgten mehr Lieder, mehr Auftritte, mehr Partys und die immer dringlichere Frage, wann Uffie denn nun mit einem Album so richtig groß rauskommen würde.
Denn mittlerweile war sie beim coolen französischen Ed-Banger-Label unter Vertrag, das bereits mit Uffies Kumpels von Justice einen Riesenhit gelandet hatte. Mit einem Album, so viel schien klar, könnte Uffie rasant zu Madonna und Britney Spears aufschließen. Mindestens. Aber dieses Album ließ auf sich warten. Die Jahre vergingen. "Ich merkte irgendwann, dass das Spielerische aus meinem Leben verschwunden war. Alles war nun ernst." Auf einmal waren da Erwartungen und Druck. Die Folge: Nichts ging mehr voran. "Ich und mein Freund sind drei Jahre lang unfassbar selbstzerstörerisch durch die Nächte getrieben, kamen nach Sonnenaufgang nach Hause und schliefen, bis es wieder dunkel wurde."
Irgendwann verlor Uffie die Kontrolle. "Ich verpasste Auftritte. An neue Musik war nicht zu denken. Wir zwei waren wie Sid und Nancy", sagt Uffie in Anlehnung an die selbstzerstörerischen und toten Punk-Ikonen Sid Vicious und Nancy Spungen. Und dann kam auch noch eine Ersatz-Uffie namens Ke$ha. Noch so ein aufgedrehtes Pop-Party-Mädchen, das zu sehr ähnlichen Beats sehr ähnliche Themen besingt: Diese Amerikanerin, deren Debüt-Album "Animal" zuletzt rund um die Welt die Hitparaden dominierte, schien wie ein auf kommerzielle Tauglichkeit polierter Uffie-Klon.
"Ein kleiner Hit wäre doch auch toll"
Wer die Namen Uffie und Ke$ha googelt, landet bei mehr als 50.000 Treffern, darunter viele Blogs, in denen Ke$ha als böse Uffie-Kopie angeprangert wird. Ihr sei das alles egal, sagt Uffie trotzig, fügt aber rasch hinzu: "Wer meine Musik kennt, weiß, wie lange ich diesen Sound schon habe. Ich habe mir einfach zu viel Zeit gelassen, und meine Plattenfirma ist auch ziemlich genervt!" Die Enttäuschung ist ihr anzumerken. So wurde Uffie nach ihrem digitalen Blitzstart doch noch von den Profis der vermeintlich trägen alten Plattenfirmen und einem Klon namens Ke$ha lässig überholt. Da nutzen auch 17 Millionen Online-Klicks nichts mehr.
Für "Sex Dreams And Denim Jeans" hat Uffie ihre Singles zusammengestellt und ein paar neue Songs aufgenommen. Dass sie damit Ke$has Triumph wiederholen kann, glaubt sie nicht, obwohl sie tatsächlich die viel bessere Platte gemacht hat. "Aber ein kleiner Hit wäre doch auch toll."
Das wilde Nachtleben hat Uffie aufgegeben, als sie erfuhr, dass sie schwanger ist. "Mein Ausgehen ist ein abgeschlossenes Kapitel. Ich vermisse nichts." Ihre Tochter ist jetzt ein paar Monate alt, und in Paris schlägt sich Uffie nun die Nächte mit Babybetreuung um die Ohren.
Mit dem Produzenten Mirwais sitzt sie bereits am zweiten Album. Und falls doch nichts aus ihrer Popkarriere wird, will Uffie endgültig das Tempo aus ihrem Leben nehmen und ins Grüne ziehen. "Mein Vater hat ein Landhaus, da verkaufe ich dann selbstgemachte Marmelade, oder ich schreibe einen irren Roman." Material für ein Buch hat Uffie jedenfalls genug.