En Vogue Müde Diven
Vor zehn Jahren haben weibliche Teenager mit Bildern von En Vogue ganze Zimmer tapeziert. Viele wollten selber singen, manche haben´s später dann sogar getan. Die vier schönen R&B-Sängerinnen galten plötzlich als personifizierte Girl Power in einer Sparte, in der zuletzt nur noch die Produzenten das Zepter geführt und auf glatt polierte Massenware gesetzt hatten, Mit En Vogue erblickten plötzlich wieder freche, clever arrangierte Songs mit Humor das Tageslicht. Und zum Unmut der startbereiten Kritiker besaß das einem Casting entsprungene Quartett neben Gesangstalent sogar noch Charme und Charisma. Da gab es nichts zu meckern.
1997 dann, nach Hits wie "Whatta Man" und "My Lovin'" verließ Dawn Robinson ihre Freundinnen während der Aufnahmen zum Album "EV 3". Nach dessen Erscheinen rechneten nurmehr sehr treue Fans mit dem Fortbestand der Band. Aber: "Weshalb hätte uns das denn aus der Bahn werfen sollen?", rührt Terry Ellis mit erprobt gelangweiltem Blick in alten Wunden, "bloß weil Dawn einfach so entschwunden ist und deshalb das Album nicht gerade unser bestes wurde, haben wir noch lange nicht den Kopf in den Sand gesteckt!" Maxine Jones und Cindy Heron nicken pflichtbewußt, schauen derweil aber lieber zu Boden.
Dabei gilt es doch die Wiederauferstehung zu feiern und möglichst gute Worte zum neuen Longplayer "Masterpiece Theatre" zu finden. Was schließlich sogar gelingt, auch wenn die müden Statements wie Musterbeispiele aus dem US-Trainingscamp für den Medienumgang klingen. "Eine echte Rückkehr zu unseren Wurzeln" etwa konstatiert Maxine Jones und findet als Beleg doch nur die Rückkehr zu Denzil Foster und Thomas McElroy, den Produzenten der ersten Alben. Ach ja, natürlich war auch die Stimmung im Studio "niemals vorher so kreativ und entspannt" gewesen. Und überhaupt.
Das Resultat indes lässt sich hören. Wie klug jedoch das Pokern mit der eigenen Stimmgewalt in mutigen A-Capella-Songs war, wenn am Ende der zwingende Hit einfach unauffindbar bleibt, wird sich zeigen müssen. Jedenfalls formulieren die drei Ladys ihre kühnsten Träume schon ein bisschen vorsichtiger als dereinst. Reich, berühmt und unsterblich wollten sie damals werden. Heute hofft Terry Ellis auf "eine glückliche Zukunft auch für meine eigene Parfum-Serie". Musik, ja, doch, werde man wohl auch weiterhin machen. Bloß an den Wänden der Teenager, da hängen jetzt andere.
En Vogue "Masterpiece Theatre", Eastwest Records