Ensemble Zeitkratzer: Geknebelte Instrumente - DER SPIEGEL
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Ensemble Zeitkratzer Geknebelte Instrumente

Seit drei Jahren kratzen, hämmern und feilen die Musiker des Ensemble Zeitkratzer am akademischen Image der Neuen Musik. Mit ihrer eigenwilligen Gratwanderung zwischen den Genres haben sich die Neutöner mittlerweile einen beachtlichen Ruf erspielt.
Von Cristina Moles Kaupp
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Keine Chance, der Name dieses Ensembles lässt sich nicht dahinnuscheln. Zeitkratzer, das klingt kantig, kratzig, zackig, aber es kitzelt angenehm im Rachen, wenn das "r" abrollt. Passend also für zehn Musiker, die sich seit einiger Zeit mutig ein Terrain erobern, das unwegsam scheint und daher spannend ist.

Neue Musik, Improvisation, Jazz, Noise, Experimental-Rock und Avantgarde heißen die Eckpfeiler, dazwischen spannt sich ein filigranes Netz aus Namen und Bezugspunkten, konträr und eigenwillig wie die internationale und junge Zusammensetzung des Ensembles. Burkhard Schlothauer (Violine), Michael Moser (Violoncello), Alexander Frangenheim (Kontrabass), Franz Hautzinger (Trompete), Melvyn Poore (Tuba), Ulrich Krieger (Saxophon), Luca Venitucci (Akkordeon), Ray Kaczynski (Perkussion), Reinhold Friedl (Klavier) und Marcus Waibel (Sounds, Elektronik) treffen sich zwar nur wenige Wochen im Jahr, doch dabei arbeiten sie intensiv an Klangabdrücken, die selten sind in diesem Genre.

Viele Kompositionen schneidern ihnen andere auf den Leib - Elliott Sharp zum Beispiel, Laurie Schwarz, Mario Bertoncini, Helmut Oehring oder Terre Thaemlitz. Der Schulterschluss zur Elektronik liegt nahe, wie Ensemble-Chef Reinhold Friedl konstatiert: "In letzter Zeit kontaktieren uns immer mehr Elektronik-Künstler, die sich wie wir auf den Klang konzentrieren. Sie lassen sich unsere Klänge zeigen, mischen sie zusammen und schicken uns ihr Resultat. Wir übersetzen es wiederum für uns. Jedes Instrument funktioniert dann wie ein Kanal im Mischpult."

Grau ist alle Theorie. Doch was passiert tatsächlich auf einem Zeitkratzer-Konzert? Nichts Gewöhnliches, soviel erkennt man bereits beim Betreten des Konzertsaals im Berliner Podewil. Die Musik findet nicht auf einer Bühne statt, sondern mitten Raum, umrundet vom jungen Publikum. Ein Grundton, der vom Violoncello stammt, wird aufgefangen und weitergeführt von Saxophon und Trompete, dann versinken auch Tuba und Geige im minimalistischen "Om"-Gesang. Ein meditatives Auf- und Abschwellen, bis die Klangfläche plastisch wird und minutenlang vibriert. Dann pocht die Faust des Perkussionisten einen Rhythmus, gefolgt von einem elektronischen "Tok-Tok". Als letztes schlendern verhaltene Flügelklänge hinzu.

Blaulicht dann, passend zur Komposition von Helmut Oehring und Torsten Ottersberg. Zwischen Experiment und Elektronik, spannend inszeniert: Das Fauchen der Tuba mischt sich mit dem Aufjammern des durch Zeitungspapier geknebelten Schlagzeugs. Den Aufschrei von Hi-Hat und Becken kitzelt ein Geigenbogen hervor, während ein Fetzen Stoff den Klang des Flügel dämpft und ein Metallrohr seine Saiten zum Wimmern bringt. Dazu elektronische Sounds und Konservenstimmen, heftiges Atmen durchs Saxophon. Hier taumeln Instrumente nervös am Rande der Verzweiflung entlang, bis sie ein abrupter Schlag erlöst - fini.

Nach der Pause ein Stück Fluxus: Die Musiker haben sich ihrer weißen Hemden entledigt, sind in Freizeitklamotten geschlüpft. Sie sitzen auf Bänken und blicken versonnen ins Leere, trinken aus Mineralwasser-Flaschen, pusten hinein - und unvermittelt sitzt man mittendrin in John Whites "Drinking and Hooting Maschine". Die Flaschen werden leerer, die Töne tiefer, das Licht schwächer.

Kein Rülpser stört das meditative Schwingen der Töne - in den Flaschen war nur Leitungswasser. Schade eigentlich, Fluxus war da radikaler. Füllte eine Flasche mit Wodka ab und brachte so einen der Bläser nach dem Konzert zu Fall. Aber wer Zeitkratzer heißt, will nicht unbedingt Authentizität. Der sinnliche Eindruck muss stimmen, das Vergnügen. Und davon bietet das Neutöner-Ensemble jede Menge.

Ensemble Zeitkratzer: "Soundinx", "Sonx", "Extensions" (alle Zeitkratzer/Timescraper Music)

Konzerttermine: 5. und 14. Juni, Podewil , Klosterstraße 68-70, Berlin-Mitte.