Erfolgskomponist Salonen Ein Quantum Spaß
Wenn staatlich subventionierte Orchester die E-Musik-Avantgarde pflegten, so hatte das lange Jahre immer etwas von pädagogisch-akademischen Pflichtübungen. Immer nach dem Motto: erst harte, atonale Pflicht, dann als Belohnung sanfte Klassik-Kür. Ergebnis: genervte Langeweile und teils aggressive Ablehnung beim Konzert-Publikum.
Wenn sich dies grundlegend geändert hat, so liegt es auch an Komponisten wie etwa dem Briten Thomas Adés (Jahrgang 1971) oder dem Finnen Esa-Pekka Salonen, die mit ebenso kraftvollen wie filigranen Kompositionen selbst konservative Hörer aus der Reserve locken wobei sie auf inzwischen elaborierte Hörgewohnheiten im Konzertsaal zählen können.
Vorbei die Qual mit atonal.
Hier gebührt endlich einmal ein Dank an die gern geschmähte Massenkultur: Filmmusiken und Rock-Avantgarde adaptierten selbst die Neue Wiener Schule, dazu kamen die berauschenden Ideen von Gustav Mahler bis Igor Strawinsky und Karlheinz Stockhausen.
Inzwischen klingt die Avantgarde im Konzertsaal immer seltener nach Hochschulveranstaltung, dafür öfter nach aufregendem, eklektischem Budenzauber mit Tiefgang. Salonens neues Album ganz popmusikalisch professionell "Salonen" betitelt (Deutsche Grammophon/ Universal) fetzt mit drei Stücken durch den klangsatten Kosmos des dirigierenden Komponisten, der auf der CD gemeinsam mit seinem Freund Yefim Bronfman (Klavier) und dem Los Angeles Philharmonic Orchestra auftrumpft.
Esa-Pekka Salonen, 1958 in Helsinki geboren, gehört zu den Beständigen der Zunft. Seit 1992 leitete er das Los Angeles Philharmonic Orchestra, bevor er in der Saison 2008/2009 zum Philharmonia Ochestra nach London wechselte. Kein radikaler Neuanfang: Ab 1985 bereits war er neun Jahre lang erster Gastdirigent dort.
Salonens Dirigate des klassischen Repertoires begeistern ebenso wie sein Faible fürs 20. Jahrhundert. Preise und höchste Anerkennung heimste der Nordländer vor allem mit ungewöhnlichen Aufnahmen ein. So zum Beispiel mit der Einspielung der dritten Symphonie von Witold Lutoslawski, dem Orchesterwerk Ligetis, Filmmusik von Bernhard Herrmann, Werken des mexikanischen Komponisten Silvestre Revueltas oder der finnischen Tonkünstler Kaija Saariaho und Magnus Lindberg.
Diese Bandbreite fließt denn auch beständig in Salonens eigene Kompositionen ein, aus denen keine revolutionäre Bilderstürmer-Wut spricht, sondern fröhliches Patch-Handwerk.
Salonen spielt unbekümmert und hochvirtuos mit einem reichen Materialienfundus, der immer wieder Bekanntes mit Überraschungen mischt, fette Tutti mit kammermusikalischen Impressionen, flirrende Filmmusik mit perkussivem Expressionismus.
So bietet etwa sein soeben veröffentlichtes Klavierkonzert (uraufgeführt 2007 in Los Angeles) genau diese Mixtur aus alter und neuer Welt, die beim Publikum ankommt. Als ob der selige Leonard Bernstein den nervösen Traum von einem "Finishman in New York" oder eben L.A. träumt. Nur ohne Jazz-Groove. Ein musikalisch lebendiges Biotop der verschiedenen Stile, mal rau und laut, mal verhalten und intim. Viel Glissando und Ostinato, aber meist forsch und in flinker Bewegung.
Nun hatte Salonen für die CD-Aufnahme neben den Los Angeles Philharmonikern mit seinem Pianistenfreund Yefim Bronfman einen Virtuosen zur Seite, der dank langjähriger Zusammenarbeit wie kein zweiter die Ideen und Anforderungen der Salonen-Kompositionen einschätzen und realisieren kann.
Auf ihrer gemeinsamen Konzerttournee gelang dem eingespielten Duo auch in Hamburg bei der Interaktion mit dem Symphonieorchester des NDR ein ähnliches Feuerwerk. Salonens sparsamer Dirigierstil (ohne Taktstock) hatte schon beim Eröffnungsstück "Ma mère l'oye" (Maurice Ravel) für überzeugend dichte Klangzeichnung und federnden Rhythmus gesorgt. Die Breitseiten seines darauf folgenden Klavierkonzertes überzeugten ebenso: Esa-Pekka Salonen hatte die Hamburger schnell im Sack. So einhelligen Jubel für eine Erstaufführung gibt es nicht alle Tage.
Ein Rezept, das funktioniert: Avantgarde, die zwar eigentlich keine ist, aber dennoch gefühlten Wagemut vermittelt; so schafft Zeitgenössisches den Sprung ins Repertoire und zu einem größeren Publikum.
Und ein Quantum Spaß im Konzertsaal hat ja noch niemandem geschadet.
CD Esa-Pekka Salonen: "Salonen" (Deutsche Grammophon).