ESC 2015: Finnlands Punks mit Handicap - DER SPIEGEL
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ESC 2015 in Wien: Punks mit Handicap

Foto: Herbert Pfarrhofer/ dpa

Finnland beim ESC 2015 Große Inklusionsklasse!

Punks mit Handicap: Beim Musikworkshop im Behindertenhilfswerk hat sich die Band PKN gefunden. Nun vertreten sie Finnland beim Eurovision Song Contest - und das ganze Land unterstützt sie.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Yksi, kaksi, kolme, nelja - uuaahh!!!!!" Die Message ist klar, selbst wenn man des Finnischen nicht mächtig sein sollte. Punkrock nach traditionellem Rezept - 4/4-Takt, höchstens drei Akkorde, herausgebellte Strophe, mitgrölbarer Refrain - ist eine globale Sprache.

Die finnische Punkband "Pertti Kurikan Nimipäivät", abgekürzt "PKN", die ihr Land beim ESC vertreten wird, darf insofern schon mal ein paar Kisten Backstage-Bier kaltstellen. Denn dem europäische Publikum werden die Pop-geölten Ohren schlackern: PKN sind laut. Sie sind leidenschaftlich. Sie geben echte Punk-Interviews, was bedeutet, dass sie sichtbar keine Lust haben, ausgefragt zu werden. Sie singen im ulkig-unverständlichen Finnisch über Missstände in ihrem Leben, über Respektlosigkeit und über ihren ausufernden Kaffeekonsum. Und sie bestehen aus vier Menschen mit kognitiven Handicaps.

Dass diese Tatsache nicht ihr Alleinstellungsmerkmal sein muss, dafür kämpfen die Männer zwischen Mitte 20 und Mitte 50, die sich beim Musikworkshop eines Behindertenhilfswerks in Helsinki kennengelernt haben.

Seit 2009 treten sie gemeinsam auf: Toni, der Jüngste, spielt solides, gerades Punkschlagzeug, Sami treibt die Songs mit wenigen Sid-Vicious-Basstönen vorwärts, Kari, meist mit Bier oder Zigarette in der großen Hand, brüllt in überzeugendster Punkattitude Textzeilen wie "Pertti hat 'ne Sprachstörung!!!" oder lässt seinem Wohnheimfrust freien Lauf. Und der grauhaarige Gitarrist, Kuttenträger und Punkkrocker der ersten Stunde Pertti, nach dem sich die Band benannt hat, schrabbelt die nötigen Akkorde größtenteils tadellos herunter, schiebt ab und an mal ein minimalistisches Solo ein, wie es sich für das Genre gehört: Punksoli bewegen sich gern innerhalb von drei Tönen, wenn es nur die richtigen sind.

Mehr als nur Exotenbonus

In Finnland freute sich die Band Ende 2012 über einen Chart-Hit, die Dokumentation "The Punk Syndrome" von Jukka Kärkkäinen und J-P Passi hatte PKN auch außerhalb Finnlands bekannt gemacht. Der schnörkellose, intime Film begleitet die Musiker bei verschiedenen Auftritten, besucht sie zu Hause, ist dabei, wenn Kari sich verlobt, wenn Pertti vom Manager und Betreuer Kalle Pajamaa aufgefordert wird, vor der Show gefälligst die Hosen zu wechseln, wenn eine Plattenaufnahme wegen bandinterner Spannungen zwischen Sänger und Bassisten fast platzt: Punkbandalltag eben, minus größerer Alkoholexzesse.

Jedoch ist nicht alltäglich, was PKN symbolisieren. Denn die Entscheidung, sich von dieser ganz besonderen Band vertreten zu lassen, ist eine Haltungsfrage: Finnland, das 2006 mit "Hard Rock Hallelujah" der Metal-Monster-Band Lordi seinen bislang einzigen ESC-Erfolg feierte und es regelmäßig nicht mal bis ins Finale schaffte, steht anscheinend geschlossen hinter PKN. Und bietet so ein leuchtendes Beispiel für Inklusion, garniert mit einem Schuss guter alter Punk-Provokation.

Dass der augenzwinkernd-trotzige Song "Ich muss immer", den PKN spielen werden, auch noch die klassische Punksonglänge (besser: -kürze) von anderthalb Minuten hat, passt: Nach 1:30 ist eh alles Wichtige gesagt.

Selbstredend bauen die Beteiligten, ob Band, Management oder Fans, nebenbei auf einen Exotenbonus: Nachdem Conchita Wurst den Ignoranten der Welt im letzten Jahr tüchtig eins ausgewischt hat, könnten auch PKN eine Bresche für Offenheit und Toleranz schlagen.

Allerdings ist hier weit mehr gefordert. Denn nicht nur mit den ungewöhnlichsten Posterboys seit, nun ja, wahrscheinlich Lordi müssten die Zuschauer sich abfinden, sondern auch mit der im ESC-Universum selten gelittenen Punkmusik. Zudem gäbe es garantiert Vorwürfe, man nütze die Männer und ihre Handicaps aus, und zerrte Menschen in die Öffentlichkeit, die den Medienrummel weder durchschauten noch wirklich zu nutzen wüssten.

Da das allerdings für die meisten anderen Teilnehmer vermutlich ebenfalls stimmt, können PKN und ihre Freunde, Betreuer und Unterstützer sich beruhigt ins Getümmel stürzen: So wie die Band im Vorfeld auftrat, braucht man sich keine Sorgen um ihr Seelenheil nach dem Scheinwerferlicht zu machen, sondern sollte sich gegebenenfalls einfach freuen, dass Finnlands revolutionärer Streich geglückt ist.

Und dass es mit PKN ein Funke Anarchismus bis in die viel zu gelackten, viel zu tendenziösen ESC-Gefilde geschafft hat. Die seichte Gute-Laune-Glitzershow in Wien wird durch die Teilnahme von Pertti Kurikan Nimipäivät nur gewinnen.