ESC: Plötzlich wuchtig und wichtig - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Eurovision Song Contest Plötzlich wuchtig und wichtig

Es war pathetisch, politisch und pompös. Ein tadelloser ESC-Abend. Und Deutschland? Mit Deutschland ist alles okay. Wirklich. Der ESC-Abend im Überblick.
Jamalas Auftritt
Jamalas Auftritt

Jamalas Auftritt

Foto: Martin Meissner/ AP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

War es spannend? Und ob! Vor allem, wenn man zuvor mehr als drei Stunden durch die schwülen Wüsten der Langeweile gestapft ist, hatten es die letzten zehn Minuten wirklich in sich. Das geänderte und zur völligen Undurchschaubarkeit europäisierte Abstimmungsverfahren führte dazu, dass nach den Punkten der Sachverständigen aller Länder das Publikum zu entscheiden hatte, ob das lange führende Australien (Australien? Gewiss, Australien, aber das muss man nicht verstehen) noch entthront werden könnte. In vorletzter Sekunde setzte sich die Ukraine an die Spitze - und erst in letzter Sekunde war klar, dass es Russland nicht schaffen würde.

War es politisch? Eigentlich ist die politische Brisanz des einzigen wirklich brisanten Songs im Vorfeld auf diplomatischem Wege wegverhandelt worden. Dann aber entscheidet sich die Frage, ob der nächste ESC in Kiew oder Moskau ausgetragen wird, am Ende zugunsten eines Songs über die gewaltsame Deportation von Tataren, Zweiter Weltkrieg, Stalin, Europa, Krim. Bei Conchita Wurst ging es um Genderpolitik, diesmal um Weltpolitik.

Zitat des Abends? Ein schlapperes Motto ist eigentlich kaum denkbar. Aus dem Mund der ukrainischen Gewinnerin Jamala klang es aber plötzlich wieder ziemlich wuchtig und wichtig: "Peace and love for everyone!"

Gute Unterhaltung? Pathos ist das Schmiermittel für jeden Song, der nicht einfach nur "gute Laune" verbreiten und es in eine Mobilfunkwerbung schaffen will. Wenn beides während dieses musikalischen Marathonlaufs mal wieder unerträglich wurde, konnte man auch den Ton abstellen und einfach nur die Bühne bewundern. Was da flimmerte und flirrte, in 3D durch die Gegend schwebte oder in freier Farbdramaturgie sich entfalten ließ, hätte auch ganz ohne irgendwelche Darbietungen (Salto! Teufelstrommler!) gut unterhalten.

Gender Trouble? Kaum. Hovi Star aus Israel war der einzige Ausreißer in die familienfreundliche Queerness, ansonsten blieb der diesjährige ESC traditionellen Geschlechterrollen verhaftet. Sogar Österreich schickte statt einer Conchita Wurst diesmal eine entschieden bartlose Brigitte-Bardot-Wiedergängerin. Für die Damen bedeutete das mehrheitlich trutschige bis hochgeschlitzte Hochzeitskleider wie aus einem Fiebertraum von Karl Lagerfeld. Inhaltlich reichte das Spektrum von helenefischerhaften Sehnsüchteleien bis zu sektlaunigen Selbstermächtigungsballaden.

Auch bei den Herren überwog in den Texten die euphorische bis flehentliche Aufforderung zum Geschlechtsverkehr. Dazu trug man am liebsten bübisches Strubbelhaar und über dem einfachen T-Shirt eine Motorradlederjacke - wobei jede zweite Jeans so aussah, als wäre man mit dem Motorrad gestürzt. Michal Szpak aus Polen war mit seiner drolligen Rollenspiel-Uniform der einzige Ausreißer ins Indiskutable.

Und die Musik? Ach, die Musik. "1944" ist mit seiner Mischung aus knisternden Breakbeats, orientalisierendem Gesang und traditionellen Elementen stilistisch überdurchschnittlich geraten. Zumal der Durchschnitt wie immer aus rundgelutschten Liedchen bestand, die rückstandslos und nett durch den Kopf direkt ins ewige Vergessen kullern. Dabei wollten manche der "Interpreten" ursprünglich wohl wirklich mal Künstler sein, machten Folktronica, irgendwas mit Dub oder kroatische Volkslieder - und dann stehen sie da vor der Windmaschine und pusten pathetischen Mumpitz in die Welt, bestenfalls bei Queen oder The Killers geklaut. Die zehnsekündige Kunstpause im Beitrag der Niederländer, das waren die innovativsten zehn Sekunden des Abends.

Video: Jamala siegt, Deutschland Letzter

Höhepunkt? Nicht in Hinblick auf Lächerlichkeit oder Dramaturgie, sondern musikalisch - Justin Timberlake. Nach all den "Songs" zuvor hätte dessen Darbietung in der Pause durchaus hoffnungslos absaufen können, ein weiteres Tralala halt. Und dann war's eine 16-köpfige Band, die richtige Musik machte, zackig angefunkten Soul, den man nicht mögen muss, um den ästhetischen Vorsprung vor dem gängigen ESC-Material anzuerkennen. Liegt dann halt doch mehr als ein Atlantik zwischen Europa und den USA. Welten.

Tiefpunkt? Es gibt offenbar einen "Junior Eurovision Song Contest" für Wettbewerber unterhalb der ESC-Altersgrenze von 16 Jahren, dessen aktuelle Gewinnerin, eine nigerianisch-maltesische Wuchtbrumme namens Destiny Chukunyere, mit Charme und Stimmumfang alle erwachsenen Teilnehmer an diesen Abend locker in Schatten gestellt hätte. Das Mädchen wird kurz auf die Bühne gebeten, vorgestellt - nur um sang- und klanglos wieder verabschiedet zu werden.

Selbstironie? Auf der Bühne fand Ironie nicht statt. Dafür sorgten aber, ganz traditionell, die Moderatoren für Aufheiterung. Petra Mede und Måns Zelmerlöw widmeten einen furiosen Pausensong dem Schema, nach dem ein ESC-Hit gemacht ist - von der Windmaschine und dem intensiven Blick direkt in die Kamera bis zum brennenden Piano im Hintergrund, dem Halbtonschritt und natürlich dem Refrain: "Love, love, peace, peace, and a man in a hamster wheel". Da waren Liebe und Frieden noch irre komisch.

Panne des Abends? Keine nennenswerte Panne seitens der Veranstalter. Nur beim NDR brach bei der Auswertung der Punkte die Leitung zu Kommentator Peter Urban zusammen. Was man erst merkte, als er sich plötzlich mit einem phantomhaften Knacken per Telefon zurückmeldete - und gedämpfte Flüche in Richtung seiner Regie ausstieß: "Seid ihr bekloppt?"

Deutschland? Alles okay mit Deutschland, wirklich. Nein, echt, alles gut. Küken Jamie-Lee verstärkte ihre Kükenhaftigkeit durch Manga-Style, fernöstlichen K-Pop-Look und einen Strauß mit Trockenblumen auf dem Kopf, was als komplexes Code- und Zeichenpaket nicht überall verstanden worden sein dürfte. Außerdem ist Deutschland nicht so niedlich, wie Jamie-Lee aussieht. Performance und Song waren mitnichten so unterirdisch, wie ihr letzter Platz vermuten lässt. Also alles gut.

Europa? Europa war total nervös, weil erstmals auch die USA und China zuschauten, es also nicht gar so alleine war mit diesem unheimlichen Russland. Irgendwie schien es sich auch selbst so satt zu haben, dass um ein Haar der seltsame Dauergast Australien diesen ESC gewonnen hätte. Wie immer aber rührte am Ende die pusselige Umstandskrämerei bei dem Versuch, unter Berücksichtigung aller Mitglieder zu einem verbindlichen Votum zu kommen - wie irrsinnig lange eine europäische Abstimmungen dauern, wie erfreulich ihr Ergebnis auch sein kann. Frieden und Liebe, für alle.

Alle Ergebnisse in Bildern:

Fotostrecke

Eurovision Song Contest: Die Platzierungen in Bildern

Foto: Britta Pedersen/ dpa