Eklat beim ESC Muss ja? Nee, muss nicht
Andreas Kümmert: Ehrlicher, introvertierter Rocker
Foto: Nigel Treblin/ Getty Images"Deutschland bekümmert" oder "Der deutsche Unentscheid" twitterte die Nation nach dem ersten Schock. Hihi, sehr witzig. Aber was bedeutet denn eigentlich dieser überraschende Hinwurf von Andreas Kümmert beim ESC-Vorentscheid in Hannover? "Ich bin nicht wirklich in der Verfassung, diese Wahl anzunehmen", sagte der 28-Jährige, nachdem er, vermutlich mit einiger Eindeutigkeit, von den ARD-Zuschauern zum Eurovision-Kandidaten gewählt worden war.
Skandal! Der kann doch nicht einfach... Also das ist ja... Warum hat er denn überhaupt erst mitgemacht, wenn er dann am Ende...?
Kümmerts Leistungsverweigerung irritiert
Was mag den rundlichen Rockmusiker aus Schaippach in Unterfranken bewegt haben, die Fans derart zu düpieren? War's der Fieberwahn der noch nicht überwundenen Grippe?
Wurde ihm, dem Hoodie-Träger mit dem Fusselbart, dem ehrlichen, introvertierten Rocker mit dem Joe-Cocker-Appeal, wurde diesem unwahrscheinlichsten aller ESC-Kandidaten während der Live-Show am Donnerstagabend vor dem frenetischen Massenpublikum klar, dass er genau das ist: Ein Fremdkörper in diesem bunten Zirkus der Tänzer und Kostümierten? Bis er sich noch einmal zu Wort meldet und sich erklärt, bleibt das Spekulation.
Die Krux ist aber: Genau diesen unwahrscheinlichen, irgendwie ESC-inkompatiblen ruhigen Typen, diese niedlich mit den Armen rudernde Emo-Knutschkugel wollten die Zuschauer ja ganz offensichtlich beim Song Contest in Wien sehen. Um ihn ging es, den Schrat, nicht so sehr um seinen eher generischen Siegersong "Heart Of Stone".
Den, seinen Song, schenke er der Zweitplatzierten Ann Sophie, sagte Kümmert, als er blass und sichtbar überfordert seinen Verzicht erklärte.
Die Arme
Denn erstens kann sie natürlich nicht mit Kümmerts Song antreten, obwohl das eigentlich sinniger wäre, denn es ist ja ein Song-Wettbewerb. Zweitens fragte sie, zu Recht zwischen Euphorie und Entsetzen schwankend, das Publikum, ob sie denn überhaupt als Siegerin gewollt sei? Gute Frage. Man wird sich schon arrangieren.
Denn besser zum ESC als Kümmert passt die Hamburgerin mit ihrer Synthese aus linkischer Lena und eleganter Diva oberflächlich allemal, und auch ihr Song "Black Smoke" ist gar nicht übel. Aber man ahnt: Ein Plätzchen im Mittelfeld ist schon drin, mehr wahrscheinlich nicht. Kümmert hingegen, hätte Europa einen hemdsärmeligen deutschen Vertreter gezeigt: schüchtern, ein bisschen autistisch, ein Normalo mit großer Stimme und viel Emotion. Einer zum Kuscheln.
Eben mal keinen Leistungsträger
Ann Sophie hingegen überwand tapfer ihre Unsicherheit und trällerte beherzt noch einmal ihren Song, bald schon funkelte ein Siegerlächeln auf ihrer Sorgenmiene: The Show must go on. Genauso hätten es Laing gemacht, die zusammen mit der Grönemeyerin Alexa Feser noch zu den letzten vier Kandidaten gehört hatten und mit ihrem Ertüchtigungslied "Zeig deine Muskeln" und einer an Kraftwerk erinnernden Bühnenshow auf Trimmrädern perfekt das kühle deutsche Vorwärtswesen in Wien verkörpert hätten.
Die letzten vier, das waren alles Frauen, außer Andreas Kümmert. Und dann gewinnt der einzige Mann. Und der ist dann zu sehr Softie, um den Sieg anzunehmen. Zack, muss wieder eine toughe Frau ran.
Fair enough: Angela Merkel kann ja, wenn es um die Euro-Rettung und den Zusammenhalt der EU geht, auch nicht abwinken: Och nö, heute nicht. Denn es muss ja.
Der Gemütsmensch Andreas Kümmert aber hat einfach gesagt: Nee, muss nicht. Und sprach damit der gestressten Nation vielleicht noch tiefer aus dem Herzen als zuvor.
Eurovision Song Contest: Vorentscheid-Sieger will nicht