Fever Ray, neues Album "Plunge": Verspannt euch! - DER SPIEGEL
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Fever Ray: Raus aus dem Erdloch

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Neues Album von Fever Ray Verspannt euch!

Eine große Enttäuschung - und zugleich aufregend politische Musik: Acht Jahre nach ihrem spektakulären Soloalbum hat Karin Dreijer Andersson von The Knife eine neue Platte als Fever Ray veröffentlicht.
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Verdammt, diese klugen Popstars! Können genau antizipieren, wie man auf ihr neuestes Werk reagiert. "I wanna love you but you're not making it easy", lautet die erste Zeile des ersten Songs auf "Plunge". Und so ist es dann auch: Einfach so, ohne jede Konzentration und Anstrengung, kann man dieses Album, das zweite Soloalbum von Karin Dreijer Andersson alias Fever Ray, wirklich nicht lieben. Das heißt aber letztlich nicht viel. Denn es ist trotzdem herausragend. Und es hätte zu keinem besseren Zeitpunkt erscheinen können.

Dabei scheint eigentlich viel zu viel Zeit seit dem selbstbetitelten "Fever Ray" vergangen zu sein. Das Album, 2009 veröffentlicht, war damals wie ein Erdloch, in das man unvermutet und schutzlos fiel. Doch hatte man erst einmal den Schock des Sturzes überwunden, konnte man es sich in den dunklen, schmutzigen Tiefen von "Fever Ray" unglaublich gut einrichten.

Der Sound war kompakter und gleichzeitig gelassener als bei The Knife, Dreijer Anderssons Elektro-Bandprojekt, die sie mit ihrem Bruder Olof Dreijer betreibt. Die immer schon esoterisch-raunenden Elemente ihrer Musik - die tiefen Flöten, der dumpf dröhnende Bass - waren buchstäblich organisch in einen Textkosmos aus Fell, Fleisch, Moos, Schnee und Haut eingebunden. Im Erdloch von "Fever Ray" war ganz offensichtlich Raum für diverse wilde Kreaturen, menschlichen wie tierischen Ursprungs, und ihre unterschiedlichen Appetite und Gelüste.

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Weil "Fever Ray" so vielen eine Zuflucht bot, wurde das Album ein riesiger Erfolg und Dreijer Andersson vielfach ausgezeichnet. Ihre Songs tauchten in Hollywood-Filmen ("The Kids Are All Right") auf oder wurden gleich zu Titelmelodien von Prestige-Serien ("Vikings").

Doch Erfolg scheint bei den Dreijer-Geschwistern eher als Belastung zu wirken, nicht als Ansporn. Bevor The Knife 2013 ihr viertes Album "Shaking the Habitual" veröffentlichten, schrieben sie über ihre Zweifel, ob sie nach der überwältigenden Resonanz auf ihre bisherigen Alben überhaupt noch Musik machen könnten und sollten. Das Album war dann auch konsequenterweise eine Enttäuschung - mehr Gender-Theorie-Manifest als avancierte Pop-Komposition, ohne Hits, aber immerhin mit einer bemerkenswerten Konzerttournee.

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Auch die DVD zur "Shaking the Habitual"-Tour, mit der gleichzeitig das Ende von The Knife zelebriert wurde, ist soeben erschienen. Darauf findet sich weniger ein Konzertfilm als eine Tanzperformance, die Diskussionen um Authentizität, Originalität, die Aura des Künstlers, sein Verhältnis zum Publikum sowie die kommerzielle Überhöhung des Live-Auftritts aufgreift. Womöglich könnte man ein ganzes kulturwissenschaftliches Seminar nur mit diesem Film bestreiten - so berstend voll ist er mit Gedanken und Kommentaren zum aktuellen Zustand der Popkultur. Ein würdiger Abschluss des Projekts The Knife.

Das so ausführlich aufzuschreiben, ist nötig, denn "Plunge" knüpft an The Knife an und eben nicht an Fever Ray. Von dessen wohliger Geschlossenheit und Vertrautheit findet sich kein einziger Erdkrümel und Fellfetzen mehr. Statt Dunkelheit blendet wieder Neonlicht: Dreijer Anderssons verfremdete Stimme fährt einem gellend in Mark ("This Country"), die Beats zucken und breaken ("IDK About You"), organische wie anorganische Sounds werden nicht mehr versöhnt, sondern aufeinander losgelassen. Auf "Red Trails" gibt es sogar eine Geige, die sich orientalisch leiernd über hallige Trommeln legt. Not easy to love - das gilt in diesem Fall ganz besonders.

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Hatte Karin Dreijer Andersson nicht acht Jahre Zeit, um das Erdloch noch etwas tiefer zu buddeln? Warum wieder an die unwirtliche Erdoberfläche klettern? Die Antwort liegt wahrscheinlich im Wesen der 42-jährigen Schwedin als ganz und gar politische Künstlerin, die sich ganz der Strategie des Queering, des Auseinandernehmens und Neuzusammensetzens von Widersprüchen verschrieben hat.

In ihrem Werk verbinden sich nicht nur Mensch, Tier und Maschine, sondern auch groteske Maskerade und akute Gegenwart. Sich zu verkleiden (oder besser: sich zu entstellen) war bei ihr noch nie Flucht vor dem Alltag, sondern dessen perverse, befreiende Gestaltung. Wenn Dreijer Andersson eine Maske trägt, die ihr Gesicht wie einen zerlaufenen Wachshaufen aussehen lässt , verschwindet dahinter zwar ihr wirkliches Gesicht. Doch ihre Präsenz als Künstlerin, die sich von allen Konventionen der Gefälligkeit befreit hat, wächst umso mehr.

"Plunge" muss man deshalb auch als ein vehementes Vordringen in die Gegenwart verstehen. Wenn sich Rechtspopulismus, Rassismus, Sexismus und die Verfolgung von LGBTQI ausbreiten, kann Fever Rays Musik nicht ein Rückzugsort sein, der einen elf Tracks lang von der scheußlichen Welt abschirmt. "Plunge" ist ein Album, das Unbehagen mit unseren Verhältnissen thematisiert und transportiert, das nervös macht und verspannt. "We're not attracted to this country's standards", singt sie auf "This Country", Politik und Libido wie immer nahtlos verbindend. "Free abortions and clean water/ Destroy nuclear/ Destroy boring", heißt es später im selben Song, zum Schluss erfolgt der Schlachtruf "This country makes it hard to fuck".

Was nun in der Konsequenz tun? Sex ist jedenfalls nicht die Lösung, wie Dreijer Andersson in einem begleitenden Manifest zum Album  schreibt: "Ich hatte geplant, dass Sex oder zumindest von Herzen kommende physische Intensität uns retten könnte. Aber das habe ich zusammen mit dem Körper vom Dach geschmissen, in die Stille, die die Kanten meiner Songs umschreibt."

Dieser Sturz, der titelgebende plunge, animiert dazu an, sich die Antworten selbst zu suchen, er treibt einen mit aufregenden Klängen aus dem Erdloch auf die Straße. Mehr kann man von Pop 2017 nicht erwarten.

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