Fischerspooner: Zwischen Mainstream und Museum - DER SPIEGEL
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Fischerspooner Zwischen Mainstream und Museum

Das New Yorker Kollektiv "Fischerspooner" macht auf dem Weg von Starbucks zum Starruhm alles richtig und liefert auf seinem ersten Album "#1" den Soundtrack zum aktuellen Achtziger-Revival. Wenn es kommerziell nicht klappt, freut sich schon die Kunstszene.
Von Gunnar Luetzow
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Wer sich an die Achtziger erinnern kann, hat sie nicht miterlebt." Das behauptet zumindest ein Falco zugeschriebenes Bonmot, das wohl dem "Schnee, auf dem wir alle talwärts fahren", und anderen Weilchenbeschleunigern geschuldet ist. Dieser Filmriss hat jedoch auch seine Vorteile: Genau wie die Modewelt entdeckt jetzt auch die Musikszene die Sounds und Styles der Haargel-Dekade und recycelt sie gnadenlos. Das reicht von harmlosen Neuauflagen hirnloser NDW-Hits über die Würdigung einer unter geschmackssicheren Menschen umstrittenen Größe wie Phil Collins bis hin zur Wiederbelebung historischer Genres wie Elektro, Wave und Synthiepop in glitzernden Gewändern.

Letzteres ist das Werk von Fischerspooner, einem aus Warren Fischer, Casey Spooner und einer zwischen 18 und 23 variierenden Anzahl von Musikern, Tänzern, Stylisten und Designern bestehenden New Yorker Formation, die mit ihrer Single "Emerge" einen veritablen Club-Feger gelandet hat. Von Trendsettern werden Fischerspooner bereits als das nächste große Ding nach Kraftwerk, Soft Cell und den Pet Shop Boys gehandelt. Unlängst feierte das Kollektiv in den bei Pop-Intelligenz und Kunstwelt gleichermaßen angesagten Berliner "Kunst-Werken" die Europa-Veröffentlichung ihres ersten Albums "#1" auf dem Münchner Label International Deejay Gigolos.

Dumm nur, dass Casey Spooner sich zum Thema "Eighties-Revival" nur mit einem knappen "No comment!" äußert. Auch ansonsten kann er sich an einiges nicht mehr so genau erinnern, zum Beispiel daran, wie alles anfing: "Was soll ich sagen, ich verändere die Geschichte andauernd... Es fing als Projekt an, aus dem der Soundtrack zu einem Film werden sollte, ein Bollywood-Musical. Wir schrieben einen Song, gaben unser erstes Konzert in einem Starbucks, wobei wir unser Interesse an Performance und Inszenierung entdeckten. Daraus entstanden weitere Ideen, mehr Leute kamen hinzu, und inzwischen entwerfen wir sogar unsere eigene Mode-Linie. Aber eigentlich tun wir nur so, als wären wir Britney Spears, und haben dabei eine Menge Spaß."

Welche eher exklusive Sorte Spaß damit gemeint ist, lässt sich allerdings bereits an Spooners legerem Backstage-Outfit erkennen - in einem "Terminator"-Muscle-Shirt, zerfetzten Jeans und Kroko-Stiefeletten gut rüberzukommen ist wahrscheinlich ebenso wenig jedermanns Tasse Tee wie der entspannte Genuss des retroaktiven Fischerspooner-Sounds, zu dem die Künstler nach ihren eigenen Angaben von I-Fs Nummer "Space Invaders Are Smoking Grass" inspiriert wurden. Die überaus theatralischen Performances und künstlerisch sehr ambitionierten Videos darf man dazu als Hommage der Nachgeborenen an jene gute alte Zeit von Ziggy Stardust und Kollegen verstehen, in der die glamouröse Seite von Pop mehr als Entertainment war.

Andererseits sind derartige Insider-Inszenierungen mehrdeutig lesbar. Man hat auch schon diskursgeschulte Kölner House-Spezialisten auf dem Weg von Disco zu Disco in exklusiven Whirlpools verschwinden und kurze Zeit später als von kreischenden Kids bejubelte Popstars auf italienischen Marktplätzen lässigen Limousinen entsteigen sehen. Dergleichen Missverständnisse zwischen High und Low kommen derzeit häufiger vor. So waren unlängst die normalerweise zwischen Münchner Kunsthochschul-Schickeria, Berliner Modeszene und dem Londoner Instute for Contemporary Arts operierenden Chicks on Speed mit ihrem Remix der Malaria-Nummer "Kaltes klares Wasser" in der RTL-Popecke "Top of the Pops" zu entdecken.

Als Rückhalt dieses zeitgemäßen Erfolgsmodells erweist sich dabei eine wasserdichte Doppelstrategie, die fröhlich zwischen Ausverkauf und Avantgarde springt: Was in den Charts nicht so durchschlägt, kriegt noch immer einen Ehrenplatz im Museum; im New Yorker Guggenheim freut man sich so bereits auf Fischerspooners Webseiten-Projekt. Dass dieses Konzept, das im Fall kommerziellen Scheiterns den künstlerischen Wert des Projekts um so mehr beglaubigen würde, nun nicht gerade den im Popkontext obligatorischen Novelity-Bonus verdient hat, fällt dabei kaum ins Gewicht. Denn wer beispielsweise die wilde Zeit in Andy Warhols Factory wirklich miterlebt hat, kann sich daran wahrscheinlich noch weniger erinnern als die Überlebenden der Achtziger an Falco.

Fischerspooner: "#1" (Gigolo/EFA); veröffentlicht am 6. August 2001.