Flashmob-Konzerte Protest-Party in der Bankfiliale
Hinsetzen, Aufspringen, Tanzen. Alle machen mit. "Die Stadt brennt", grölen sie. Die Band hat ihr Publikum im Griff, obwohl die Leute eigentlich gar keinen Konzertbesuch geplant hatten.
Ort des Geschehens: der Vorraum einer Bankfiliale in Berlin-Neukölln. Es ist 22 Uhr, zwischen Geldautomaten und Kontoauszugsdruckern feiern mehrere Dutzend Menschen, die meisten völlig spontan. Einige haben Bier vom nahen Spätkauf geholt.
Das Neonlicht ist grell, die Musik laut. In der Deutschen Bank spielt Caracho aus Hamburg. Ihren Musikstil nennen sie "eine Mischung aus Elektro-Punk-Breakbeat-Indie-Pop". Der Sänger steigt auf einen Geldautomaten, wirbelt sein Mikrofon herum. Es ist eng. Beinahe stürzen die mitgebrachten Boxen um, zu wild ist der Tanz in dem engen Raum.
Darf man das?
Abgesprochen ist die nächtliche Tour durch Bankfilialen nicht, mit einer EC-Karte verschaffen sich die vier Bandmitglieder Zutritt. "Natürlich darf man so etwas", sagt Gitarrist Ivo Vossen nach einem der Kurzauftritte. "Das ist ein öffentlicher Raum", ergänzt Sänger Sven Lauer, "jeder hat eine EC-Karte, jeder mit einer EC-Karte ist legitimiert, da reinzugehen."
Auch das Fernbleiben von Ordnungshütern werten die Hamburger als Signal: "Wie man sehen kann, ist Grün-Weiß heute nicht erschienen. Das wird schon seine Gründe haben", so Lauer.
2008 hat die Band bei ähnlichen Auftritten bereits die Grenzen der Gastfreundschaft getestet. Damals sei auch die Polizei zu einem Flashmob in Berlin gekommen und habe Personalien aufgenommen. Mehr nicht. Den nächsten Auftritt könne die Band ja in einem anderen Polizeiabschnitt durchführen, hätten die Beamten damals gesagt, so Sven Lauer, "dann seien die Kollegen dort zuständig".
So wenig die Polizei mit den nächtlichen Events umzugehen weiß, so begeistert sind einige der spontanen Konzertbesucher. Eine Familie mit drei Kindern ist dabei. "Laterne-Gehen war gestern", ruft die Mutter, als der Tross zur nächsten Bank weiterzieht. Auch die drei Töchter finden es super, sie hätten "ja auch selbst eine Band".
Party mit politischer Botschaft
Dabei geht es beim musikalischen Banküberfall nicht nur um eine lustige Alternative zu Laternenumzügen. Die "Tour le Dispo" hat eine politische Botschaft: "Immer mehr Clubs schließen", schimpft Sven Lauer, die Kultursituation in Hamburg und anderen Städten gehe "rapide den Berg herunter".
Um auf die Probleme vieler Bands aufmerksam zu machen, haben sich Caracho neue Plätze gesucht, um auftreten zu können. "Es gibt so viele tolle Bands, die kein Mensch kennt, weil sie einfach mit den Problemen dieser Kulturmaschinerie kämpfen", klagt Lauer. Es werde immer schwieriger für Bands, ihre Musik einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. "Daher kann ich nur alle ermutigen, öffentliche Plätze und Räume zu besetzen und dort Musik zu machen", will der Bandleader noch sagen, bevor die Party-Gemeinde gemeinsam weiterzieht.
Zurück bleiben nur die Geldautomaten, das Neonlicht, ein paar leere Bierflaschen und der Geruch nach Schweiß.