Forscher Dirigent: Seid umschlungen, Streicher! - DER SPIEGEL
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Forscher Dirigent: Seid umschlungen, Kapriolen!

Foto: Angelika Warmuth/ picture alliance / dpa

Forscher Dirigent Seid umschlungen, Streicher!

Der Mann ohne Taktstock: Thomas Hengelbrock erlebte 2011 nicht nur sein Bayreuth-Debüt, er trat danach gleich den neuen Posten als Chefdirigent des NDR-Orchesters an. Sein Konzert-Einstand spannte den Bogen von Barock bis Jazz - und der Pultstar gab den smarten Entertainer.
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Und jetzt singt er auch noch! Thomas Hengelbrock lässt an diesem Premierenabend am 9. September mit dem NDR-Sinfonieorchester nichts aus, denn alles Mögliche soll es werden, nur nicht langweilig - obwohl das Konzert vier Stunden dauert. Zum Finale mit Cole Porter und George Gershwin greift der neue Chefdirigent zum Mikrofon und schmettert schräg, aber sympathisch seinen Part zum swingenden "Anything Goes!"-Medley. Er singt und siegt: Der Saal liegt dem Orchester und seinem neuen Chef zu Füßen. Gekonnte Kapriolen und dabei keine One-Man-Show: Der neue Chef beweist nicht nur Mut zum Stilmix, er meistert diese Vielseitigkeit auch überzeugend. Schließlich soll sie auch sein Programm für die ganze Konzertsaison prägen.

Die raue Schale der Norddeutschen kennt der Wilhelmshavener (Jahrgang 1958) von Geburt an, aber auch deren Hang zum pragmatischen Hier und Jetzt. Da muss man die Hamburger schon mal deutlich an ihren berühmten Stadtmusikanten Georg Philipp Telemann erinnern, der hier im 18. Jahrhundert als Komponist, Kantor und Opernchef wirkte - was dem Bewusstsein der Hansestadt irgendwie abhanden gekommen zu sein scheint.

Hengelbrock hatte sich für die erste Stunde seines Antrittskonzerts in der Hamburger Laeiszhalle ein vertracktes Konzert für drei Trompeten herausgesucht, das Telemanns Sinn für Virtuosität und seine Innovationskraft auffächerte - und so etwas liebt Hengelbrock: konzeptionell anspruchsvoll denken, ruhig ein wenig didaktisch, aber immer sinnlich beflügelt. Die erste Saison in Hamburg strotzt nur so vor Gegensätzen: Barock, Klassik, Moderne und Oper, alles drin in der Wundertüte. Abenteuerlust beim Publikum wird vorausgesetzt. Die geforderte Lust hat Hengelbrock am Antrittsabend schon mal entfacht.

Wagemutige Rhythmen und Trompeten-Attacke

Stücke von Telemann, Carl Philipp Emanuel Bach und Georg Friedrich Händel bildeten den ersten Teil des vierstündigen Marathon-Debüts. Seinen künstlerischen Wurzeln in der Alten Musik verpflichtet - er lernte sein Handwerk unter anderem bei Nikolaus Harnoncourt -, trieb Hengelbrock die NDR-Musiker durch den ungewohnten Stoff. Doch das Rissige, Schroffe des Klangs passte hervorragend zu Bachs wagemutigen Rhythmen und Telemanns Trompeten-Attacke.

Mit Beethovens "Eroica"-Sinfonie folgte ein Schwergewicht, das Hengelbrock mit allen Ecken und Kanten ohne Heldenbombast zeichnete. Da lief nicht alles glatt, aber der Zugriff überzeugte, mit dem Mut des Kapellmeisters ritt er dieses Vollblut von einer Heldensinfonie nach Hause. Noch einmal Jubel, der Swing-Jazz-Kehraus konnte folgen.

Im März hatte Hengelbrock mit dem NDR-Orchester schon eine CD produziert, eine Konzertaufnahme aus Lübeck, die Mendelssohns 1. Sinfonie und Schumanns 4. zusammenbrachte. Eine sinnige Paarung, waren sich doch beide Komponisten in gegenseitiger Hochachtung verbunden. Mendelssohn hob als Dirigent Schumanns 1. Sinfonie 1841 aus der Taufe.

Noch im Wunderkindalter von 15 Jahren stellte Felix Mendelssohn Bartholdy seine erste Sinfonie fertig. Ihre Melodienfülle und handwerkliche Perfektion schöpfte sie aus der Erfahrung von zwölf größeren Stücken für Streicher, die Mendelssohn bereits komponiert hatte, als er 1824 seine erste "richtige" Sinfonie präsentierte. Thomas Hengelbrock und sein NDR-Orchester stürzten sich für diese Live-Aufnahmen mit spürbarer Begeisterung in das effektvolle Material, der Dirigent führt straff, aber nicht streng.

Da fällt die Brücke zur machtvolleren Schumann-Sinfonie nicht schwer, die ja chronologisch mit ihrem Entstehungsjahr 1841 die zweite war. Wie auch in seinem Bayreuther "Tannhäuser"-Dirigat drückt Hengelbrock hier in Sachen Tempo ordentlich auf die Tube, ohne klare Strukturen zu vernachlässigen. Er dirigiert stets ohne Stab, nur mit den Bewegungen der Hände, führt mit großer, überzeugend werbender Geste. Dass dies manchmal wie eine Umarmung aussieht, kann kein Zufall sein.