Friedensguru Jordi Savall: Jerusalem, mon amour - DER SPIEGEL
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Friedensguru Jordi Savall Jerusalem, mon amour

Stell Dir vor, es ist Krieg und alle hören Jordi Savall. Der Meister der Alten Musik beschwört mit einem hinreißenden CD-Paket den Frieden in Jerusalem, der Heiligen Stadt – und nimmt seine Hörer mit auf einen Musik-Parcours voller Fanfaren, Gewürzzauber und Harfenklänge.
Von Kai Luehrs-Kaiser
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wünsche können brandgefährlich sein – und topaktuell. Als hätte er es geahnt, erscheint die neue CD des spanischen Barock-Gurus Jordi Savall dieser Tage - während im Nahen Osten ein neuer Krieg entbrennt. "Jerusalem – Die Stadt der zwei Frieden: Der himmlische und der irdische Frieden" heißt ein CD-Paket, das die Heilige Stadt musikalisch porträtiert: ein hinreißender Musikbogen voller Fanfaren, Lieder, sibyllinischer Orakel und Harfen-Postludien.

Gewürzzauber und schwere Düfte des Bazars scheinen über der grandiosen Aufnahme mit Musik aus mehr als drei Jahrtausenden zu liegen. Ist man eingetaucht und hat die Aromen in sich aufgenommen, die mal süß einlullen, mal auf der Zunge brennen oder narkotisch aufkratzen, dann kann man süchtig werden – und weiß zwischen müder Selbstverlorenheit und leidenschaftlichem Fiebern kaum mehr zu unterscheiden.

In sieben Schritten geht es von den Verheißungen der Apokalypse durch arabische, jüdische, christliche und osmanische Stadtteile Jerusalems bis zu phantastisch frohlockenden Hoffnungswünschen für die Zukunft. Der seltsamste Musik-Parcours seit Jahren.

Savall erweist sich dabei wiederum als originellster, wunderlichster Heiliger der Szene. Der 1941 in Igualada (Katalonien) geborene Gambist, Dirigent und Komponist gehört zur ersten Generation der Alten-Musik-Bewegung.

Gemeinsam mit seinem Ensemble Hespèrion XXI, der Vokalgruppe La Capella Reial de Catalunya und seiner Lieblingssängerin (und Ehefrau) Montserrat Figueras verhilft er seit fast 50 Jahren nicht nur der spanischen Barockmusik (wie Mudarra, Narvaez, Javier etc.) zu neuem Glanz. Als Filmmusikkomponist (für Jacques Rivette) riskierte Savall auch skurrile Grenzgänge.

Schon mehrfach hat er den musikalischen Dialog zwischen Orient und Okzident höchst ernsthaft in großartigen CDs beleuchtet. Sie zeigen, dass der wechselseitige Friedensschluss, in der Gegenwart so umkämpft, in der Musik seit vielen Jahrhunderten vollzogen ist. Musikalischer Frieden – live on stage.

So ähnelt der politische Aplomb Savalls demjenigen seines spanischsprachigen Kollegen Daniel Barenboim – in dessen "West Eastern Divan-Orchester" Musiker gegnerischer Seiten desselben Krisengebietes praktisch konfliktfrei miteinander musizieren.

Zwischen den zwei CDs der opulenten Sammlung von Jordi Savall prangt ein dickes, achtsprachiges Text- und Bilderbuch. In der heterogen schillernden Musik kann man sich verlieren wie in der Altstadt von Jerusalem.


CD "Jérusalem – La Ville des deux Paix: La Paix céleste et la Paix terrestre". Hespèrion XXI etc., Ltg. Jordi Savall (2 CD, AliaVox AVSA9863 A+B).