Garbarek-Album: Modernisierte Mönchsgesänge
Garbarek-Album Modernisierte Mönchsgesänge
Der skandinavische Jazz ohne Jan Garbarek wäre wie ein Fjord ohne Wasser. Der 63-jährige Saxofonist entwickelte zusammen mit Kollegen wie dem Gitarristen Terje Rypdal einen eigenständigen norwegischen Sound mit atmosphärischen Klangflächen, der sich vom gängigen amerikanischen Jazz-Idiom absetzte.
Zu einem Meilenstein in der Karriere des Saxofonisten wurde Officium von 1994, ein Album, das Garbarek gemeinsam mit dem Hilliard Ensemble eingespielt hat und das ganz und gar nicht skandinavisch war. Das in den siebziger Jahren gegründete britische Gesangsquartett ist spezialisiert auf Alte Musik. Fast wie ein Frevel mutete es damals für manchen Fan der Hilliards an, dass Jan Garbarek den komplexen, feinen Gesängen aus der Gregorianik und der Renaissance freie Saxofonlinien hinzufügte, die wie eine fünfte Stimme klingen.
Der Crossover ließ die Puristen aufschreien, aber einen Großteil der Hörer schwärmen. "Diejenigen, die uns die Abweichung von der reinen Art der Aufführung vorwerfen, können doch selbst nicht mit Sicherheit sagen, wie Alte Musik früher tatsächlich gespielt wurde", sagt Jan Garbarek. "Es gibt keine Aufnahmen aus der Zeit. Ich bin überzeugt davon, dass die Musik damals schon Formen der Improvisation aufgewiesen hat." Officium war ein großer kommerzieller Erfolg. 1999 wurde die Zusammenarbeit des Hilliard Ensembles und Jan Garbarek mit den Aufnahmen zu Mnemosyne fortgesetzt und das Repertoire erweitert. In diesem Jahr nun erschien "Officium Novum". Das bedeutete nicht die Neuauflage des alten Rezepts, sondern dessen Weiterentwicklung. Auch in der Zeit zwischen den Studio-Terminen gab es immer wieder gemeinsame Konzerte.
Das Saxofon beantwortet die Sprache der Sänger
Im ausverkauften Hamburger Michel stellten Jan Garbarek und das Hilliard Ensemble die Musik des aktuellen Albums "Officium Novum" vor. Es war ein kontemplatives Ereignis in einer heiligen Halle. Nachdem mehrere langjährige Mitglieder inzwischen nicht mehr dabei sind, besteht das Hilliard Ensemble heute aus dem Countertenor David James, den Tenoristen Roger Covey Crump und Steven Harrold und dem Bariton Gordon Jones.
Grundlage für das Album ist neben byzantinischen, spanischen und russischen Gesängen auch alte armenische Musik, vertont von dem perfekt aufeinander abgestimmten Vokal-Ensemble und dem Saxofonisten mit seinen Improvisationen. Der armenische Mönch Komitas hatte die traditionellen hymnischen Gesänge Anfang des vergangenen Jahrhunderts neu arrangiert. "Diese Musik ist ein Hybrid. Sie zu spielen ist in zweierlei Hinsicht eine Herausforderung", sagt Garbarek. "Zum einen muss ich auf die Vorgaben der Sänger hören und ihre Sprache auf dem Saxofon beantworten können. Zum anderen sind es bestimmte Skalen und Klänge, in denen ich mich bewegen und neue Wege finden muss" - so beschreibt er die Arbeit an "Officium Novum". "Für unsere Ohren klingen diese armenischen Gesänge exotisch. Obwohl sie teilweise tausend Jahre alt sind, wirken sie erstaunlich frisch." Im Zusammenspiel des Jazz-Saxofonisten Jan Garbarek mit den vier Virtuosen der Alten Musik verbindet sich die musikalische Sprache des Westens mit der des Ostens.