Homosexualität im Jazz: Miles und seine Liebhaber
Homosexualität im Jazz Schwul? So what!
Ein bekannter amerikanischer Jazz-Kritiker antwortete auf die Frage, ob er einen schwulen Jazzmusiker nach seiner Sexualität fragen würde: "Ich würde ihn genauso wenig danach fragen, wie ich jemanden frage, ob er pädophil ist oder ob er seine Frau schlägt." Mit diesem Beispiel aus einer öffentlichen Diskussion im 21. Jahrhundert beschreibt der Brite John Gill eine in der Jazz-Gemeinde herrschende Einstellung. Homosexualität werde als peinlich, ja widerlich wahrgenommen wie etwa Pädophilie.
Und als "maskuline Kunst" gelte Jazz deshalb, weil "männliche Heterosexuelle aus der weißen Mittelklasse ihre eigene Hipness und Maskulinität auf Jazzmusiker übertragen, die sie bewundern". So hätten vor allem die Meinungsmacher in den Jazz-Medien eine "Kultur des Verschweigens" etabliert.
Gill kennt die Musikwelt aus der Perspektive der "gay community". Er war langjähriger Lebenspartner des 2011 verstorbenen englischen Jazz-Bassisten, Bandleaders und Komponisten Sir Graham Collier. Beim Londoner "Time Out"-Magazin arbeitete er als Musikredakteur. In seinem 1995 veröffentlichten Buch "Queer Noises" würdigte er den Beitrag von Schwulen und Lesben in der Musik des 20. Jahrhunderts.
Nun fand Gill bei seinen Recherchen in der Jazzgeschichte heraus, dass die schwul-lesbische Erfahrung in den Zwanzigerjahren durchaus ein Thema in der afroamerikanischen Kultur war. So berichteten Zeitungen der Schwarzen unbefangen über die Bisexualität der Bluessängerin Bessie Smith. Später habe Duke Ellingtons großartiger Mitarbeiter Billy Strayhorn, der 1967 verstorbene Komponist von "Take the A-Train", seine Homosexualität nie verborgen. Zusammen mit seinem Lebensgefährten unterhielt Strayhorn in Harlem einen Salon.
Von Taylor bis Davis
"Zweifellos gab es im Jazz Machotum, Sexismus und Homophobie", schreibt Gill, "aber es war wohl nicht mehr als in der Medizin, im Bergbau oder im Bildungswesen." Ein besonders "maskulines Privileg" habe in der Bebop-Ära geherrscht und lebe fort in der Identifizierung von bestimmten Instrumenten als nur für Männer geeignet. Im ausgehenden 20. Jahrhundert änderte sich die Gesellschaft - auch im Jazz. So bekannte sich 1985 der Vibrafonist Gary Burton zu seiner Homosexualität (im vergangenen Jahr heiratete der Vater von zwei Kindern seinen langjährigen Lebensgefährten).
Der Pianist Fred Hersch machte 1993 seine Homosexualität und HIV-Erkrankung öffentlich; ein Jahr später folgte ihm der Sänger Andy Bey. Free-Jazz-Pianist Cecil Taylor outete sich als "African American gay man". Und der 1991 verstorbene Miles Davis, bislang als Box-Fan und Frauenheld bekannt, hatte Gills Recherchen zufolge "eine ganze Reihe von jungen Liebhabern". Der Autor nennt als Hauptinformanten den 2009 verstorbenen Trompeter und Jazzkritiker Ian Carr. Freilich nutzte Carr sein Wissen nicht für seine 1999 erschienene "Definite Miles Davis Biography". Heute sagen, endlich, viele "Na und?", wenn die sexuelle Orientierung von Personen enthüllt wird. Miles Davis nannte seine bekannteste Komposition "So What!".
Wie viele ihrer Landsleute identifizieren sich inzwischen auch amerikanische Jazzer/innen als LGBT (Lesbian, Gay, Bisexuell, Transgender). Und es war das LGBT-Community Center von Philadelphia, der "City Of Brotherly Love", das im September Amerikas historisches OutBeat Jazz Festival organisierte - vier Tage mit Konzerten und Podiumsdiskussionen. Zu den prominenten Gästen gehörten neben Fred Hersch und Andy Bey auch der Schlagzeuger Bill Stewart sowie die Drummerin Terri Lyne Carrington und die Pianistin/Vokalistin Patricia Barber. Ihr Coming-out, berichtete die 58-jährige Barber, habe ihrer Karriere kaum geschadet. Dass der Jazz schwul-lesbische Identifikationsfiguren brauche, betonte der Direktor von Philadelphias LGBT-Zentrum.
Die LGBT-Gemeinschaft wertet "America's First Queer Jazz Festival" als Meilenstein. Zu Recht? Wolfram Knauer, der Leiter des Jazzinstituts Darmstadt, beobachtete die Veranstaltung. "Dass der Blick auf den Jazz verfälscht wird, wenn man ihn ausschließlich aus der queeren Warte betrachtet, ist klar", meint Knauer. Es sei jedoch ein genauso großes Versäumnis, diese Perspektive der Jazzgeschichte und -Gegenwart zu ignorieren. Der deutsche Experte erlebte auch, wie Pianist Hersch die Frage beantwortete, ob schwule oder lesbische Jazzmusiker anders klingen als ihre heterosexuellen Kollegen.
Herschs Antwort war ein klares Nein. Aber seit seinem Coming-out könne er freier spielen.
Publikation:
John Gill: Miles in the Sky - Dismantling the Glass Closet in Jazz. In: Jazz Debates / Jazzdebatten, Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung Bd. 13; Wolke Verlag, Hofheim 2014; 224 Seiten; 24 Euro.
CDs:
Fred Hersch: Floating. Palmetto; 17,99 Euro;
Gary Burton: Common Ground. MackAvenue; 15,99 Euro;
Patricia Barber: Smash. Concord; 17,99 Euro;
Terri Lyne Carrington: Money Jungle - Provocative in Blue. Concord; 16,99 Euro.