Grammy Awards Performance ist wichtiger als Preise
Kendrick Lamar bei den Grammys
Foto: Timothy A. Clary / AFPErinnern Sie sich noch an die großen Gewinner der Grammy-Verleihung vor zwei Jahren? Taylor Swift gewann damals mit "1989" den Preis für das Album des Jahres. Bruno Mars und Mark Ronson hatten mit "Uptown Funk" die beste Aufnahme des Jahres. Ach ja. Was jedoch wirklich in Erinnerung blieb von der 58. Grammy-Show, war die kontrovers-politische Live-Performance von Kendrick Lamar.
Der Rapper aus Los Angeles eröffnete auch die 60. Grammy-Verleihung am Sonntagabend in New York - zusammen mit Bruno Mars und Jay-Z hatte er die meisten Nominierungen bekommen und galt als Favorit. Sein grimmig groovendes Medley aus Songs wie "XXX" und "DNA" setzte - mit martialischen Szenen von marschierenden Soldaten und exekutierten, in flammendes Orange gekleideten Gefängnisinsassen - einen düsteren, politischen Ton für die Pop-Veranstaltung.
Dieses Intro wird bleiben von diesen Grammys, als Weißt-Du-noch-Erzählung oder als YouTube-Evergreen. Sechs Grammys für Bruno Mars - das interessiert irgendwann nur noch Statistiker. Erneut bewiesen die Produzenten der Grammy-Show mehr Gespür für den Zeitgeist als die Grammy-Voter mit ihren Preisentscheidungen.
Pop-Mädchen statt R&B-Sensation
Sicher, man kann sich darüber ärgern, dass Kendrick Lamar schon wieder nicht den Grammy für das beste Album bekam, sondern erneut - mit dem Gewinn für das beste Rap-Album, in die Nische verwiesen wurde. Auch dass Jay-Z bei der Verleihung in seiner Heimatstadt keinen Preis bekam, ist ein Affront, der vielleicht auch etwas mit dem Grammy-Boykott des Rappers in früheren Jahren zu tun hat. Wohl noch nie waren die Nominierungen von so vielen Rap- und R&B-Künstlern dominiert wie in diesem Jahr. Das allein zeigt einen Wandel im Bewusstsein (und der Zusammensetzung) der Grammy-Gremien, dass diese Genres schon seit Jahren den Pop-Mainstream dominieren. Immerhin.
Grammys 2018: Weiße Rosen auf dem roten Teppich
Am Ende gewann mit dem aus Hawaii stammenden Bruno Mars dann doch der talentierte, aber eher harmlose Song-and-Dance-Mann, und in der wichtigen Newcomer-Kategorie zeichnete man das brave Pop-Mädchen Alessia Cara aus, statt der R&B-Sensation SZA einen Preis zu geben. Da geht noch was, keine Frage. Dann wiederum hatte diese wichtige neue R&B-Stimme einen furiosen Auftritt in der Show mit ihrem Song "Broken Clocks".
Ja, die Uhren gehen noch etwas nach bei den Grammys, deswegen war es gut, dass viele der Gäste und Performer mit weißen Rosen am Revers oder "Time's Up"-Statements daran erinnerten, wie sehr auch die Musikbranche von paternalistischen Strukturen dominiert wird, die es Frauen schwer machen, sich zu behaupten. Dass sich aber in der Kategorie "Beste Pop-Solo-Performance" ausgerechnet der einzige Mann gegen vier nominierte Frauen (Kesha, Lady Gaga, Pink und Kelly Clarkson) durchsetzte, ist das falsche Beispiel, um sich zu erregen: Es wäre nach einem Jahr, in dem Sheerans "Shape Of You" der mit Abstand erfolgreichste und allgegenwärtigste Song war (neben "Despacito") sehr fragwürdig gewesen, dem Briten keinen Preis zu geben.
Einen viel größeren und wichtigeren Punkt machte ohnehin Kesha mit ihrer berührenden Live-Performance von "Praying", dem Song über ihre Missbrauchserfahrungen mit Produzent Dr. Luke.
Noch so ein Moment, der bleiben wird von diesen Grammys. Ebenso wie Janelle Monáes Ansage an alle Männer, die meinen, sie müssten ihre Macht gewalttätig und repressiv ausnützen: "Wir kommen in Frieden, aber wir meinen es ernst."
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Männlich vielleicht, aber weiß?
Trotz solcher Statements gab es Unmut im Publikum. Mit dem Hashtag #GrammysSoMale wiesen enttäuschte Zuschauer darauf hin, dass sich unter den Hauptgewinnern mit Alessia Cara nur eine einzige Frau findet und Lorde (die nicht gewann) die einzige Frau unter den Nominierten für das beste Album war. Das ist betrüblich. Und auch wenn es in den vergangenen Jahren zumindest oberflächlich anders aussah (mit Gewinnerinnen wie Alicia Keys, Lady Gaga, Adele oder Taylor Swift), so zitierte die "New York Times" am Wochenende eine Studie, der zufolge von 899 Grammy-Nominierten in den letzten sechs Jahren lediglich neun Prozent Frauen waren.
In den 100 Kategorien der diesjährigen Grammy-Verleihung finden sich indes viele weitere Preisträgerinnen, darunter Aimee Mann, Shakira, die weiblich geführte Rockband Alabama Shakes, die Gospel-Sängerin CeCe Winans und die Jazz-Vokalistin Cécile McLorin Salvant, Letztere übrigens Afroamerikanerinnen.
Man kann den Grammys in diesem Jahr also ihre Männerlastigkeit vorwerfen, aber eher nicht mehr #GrammysSoWhite: Der überwiegende Teil der Live-Performances während der Show wurde von R&B- und Rap-Künstlern afroamerikanischer oder hispanischer Prägung ("Despacito") bestritten; die Auftritte traditioneller weißer Pop-Künstler ( Elton John & Miley Cyrus, U2, Little Big Town) gehörten nicht zu den Highlights oder bekamen, wie Sam Smith, die geballte Häme der Twitter-Gemeinde zu spüren: Nicht nur, weil der weiße britische Sänger in einem kuriosen weißen Doktorkittel auftrat, sondern weil sein schwarzer Gospelchor im Hintergrund so schlecht ausgeleuchtet war.
Geschmäcker, Sensibilitäten und Wahrnehmungen ändern sich zurzeit rapide. Die Grammys reagieren darauf nachvollziehbar langsam und unbeholfen. Sie sollen, wie die Oscars, nicht mehr nur Entertainment sein, sondern auch politisch - und dabei auch noch möglichst korrekt. Dass es dabei zu Pannen kommt wie dem plumpen "Fire And Fury"-Zitatelesen mit Hillary Clinton, ist schmerzhaft, aber verzeihlich. Den Grammys, jahrzehntelang Bewahrer des weißen Rock- und Pop-Spektrums, fehlt halt noch der richtige Groove.
Die Grammy-Preisträger in den wichtigsten Kategorien:
Album des Jahres: Bruno Mars - "24K Magic"
Song des Jahres: Bruno Mars - "That's What I Like"
Aufnahme des Jahres: Bruno Mars - "24K Magic"
Bester Newcomer: Alessia Cara
Beste Pop-Solo-Performance: Ed Sheeran - "Shape of You"
Beste Pop-Duo/Gruppen-Performance: Portugal. The Man. - "Feel It Still"
Bestes Pop-Gesangsalbum: Ed Sheeran - "Divide"
Bestes traditionelles Pop-Gesangsalbum: Verschiedene Interpreten - "Tony Bennett Celebrates 90"
Bestes Rock-Album: The War on Drugs - "A Deeper Understanding"
Bestes Rap-Album: Kendrick Lamar - "DAMN."
Bestes R&B-Album: Bruno Mars - "24K Magic"
Bestes Dance/Electronic-Album: Kraftwerk - "3-D The Catalogue"