Grammy Awards 2012: Preise für Adele, Gedenken an Whitney Houston
Grammy-Verleihung Adele trocknet die Tränen
Adele setzte eine Kunstpause - und alle hielten den Atem an: Die englische Sängerin begann den Vortrag ihres Hits "Rolling In The Deep" mit einer A-capella-Strophe. Doch bevor die Band einstieg, pausierte sie kurz. Es war Adeles erster öffentlicher Auftritt, nachdem eine Stimmbandoperation sie monatelang zum Schweigen verurteilt hatte. Hatte sie doch noch Gesangsprobleme? Ausgerechnet vor dem Millionenpublikum, das die Grammy-Gala im Fernsehen verfolgte? Nein, natürlich nicht - nach der Pause sang die Britin ungerührt weiter und brachte das Publikum im Staples Center in Los Angeles zum Jubeln.
Solche inszenierten Mini-Drama-Momente gehören zu einer Grammy-Verleihung dazu, sie hätten auch die 54. Verleihung der wichtigsten amerikanischen Musikpreise prägen sollen. Doch dann brach die Wirklichkeit herein, das Drama um Whitney Houstons plötzlichen Tod. Die Grammy-Verantwortlichen reagierten schnell, sie ließen Jennifer Hudson eine würdevoll zurückhaltende Version von Houstons größtem Hit "I Will Always Love You" singen.
Schon vor der Todesnachricht aus dem Beverly Hilton Hotel war klar gewesen, dass die Grammys die glorreiche Vergangenheit der Popmusik feiern würden: Der Countrysänger Glen Campbell, der wegen seiner Alzheimer-Erkrankung seine Karriere beenden wird, sang noch einmal seinen "Rhinestone Cowboy". Mit einem Medley wurde an die im Januar verstorbene Blues-Königin Etta James erinnert. Und Mitch Winehouse, der einen Grammy entgegennahm für seine Tochter Amy (und ihr Duett mit Tony Bennett, "Body And Soul"), fasste die Stimmung zusammen mit den Worten: "Lang lebe Whitney Houston, lang lebe Amy Winehouse, lang lebe Etta James - es gibt jetzt eine wundervolle Girlgroup im Himmel."
Auf Erden hatte Adele Adkins das Jahr 2011 bestimmt, sie verkaufte allein in den USA mehr als sechs Millionen Exemplare ihres zweiten Albums "21" und war damit die Hauptverantwortliche dafür, dass die Musikindustrie zum ersten Mal nach vielen Krisenjahren wieder positive Zahlen vermelden konnte. Zum Dank erhielt Adele sechs Grammy-Trophäen, darunter die für die beste Aufnahme, den besten Song (jeweils für "Rolling In The Deep") und das beste Album - dass diese drei Hauptpreise einem einzigen Künstler verliehen wurden, kam erst zum sechsten Mal in der Grammy-Geschichte vor.
Die Sieger verschrecken niemanden
Adele passt aber auch einfach zu perfekt in das Muster eines Lieblingskünstlers der Grammy-Wähler: Sie spricht unterschiedliche Generationen an mit ihrem Retro-Soul, sie beweist Ehrfurcht vor der Musikgeschichte, ist aber zugleich ein relativ neues Gesicht. Und sie verschreckt niemanden mit ihren geschmackvoll produzierten Liebeskummer-Songs. Adeles Comeback aus der Krankheitspause war ein Sinnbild für die sich langsam wieder berappelnde Musikindustrie.
Im vergangenen Jahr noch war die Grammy-Verleihung geprägt worden durch den spektakulären Auftritt von Lady Gaga (Sie erinnern sich: Das Ei, in dem sie über den roten Teppich getragen wurde und dem sie auf der Bühne entstieg.), doch in diesem Jahr war der Gaga-Gegenentwurf Adele die große Siegerin, und der am aufwendigsten inszenierte Auftritt, eine Teufelaustreibungs-Show von Nicki Minaj, wirkte seltsam unpassend angesichts der nachdenklichen Grundstimmung des Abends.
Die Rapperin Minaj unterlag auch im Wettbewerb um den Preis für den besten neuen Künstler - gegen Bon Iver, die Alternative-Folk-Band von Justin Vernon, die 2011 schon ihr zweites von der Kritik hochgelobtes Album veröffentlichte. Vernon hatte einen Bon-Iver-Auftritt bei der Show abgelehnt und nahm den Preis im Linke-Lehrer-Look an und widmete ihn "allen Nicht-Nominierten, die nie hier stehen werden".
Nicht nur bei diesem nicht wirklich neuen "neuen Künstler" ging die Grammy-Jury auf Nummer sicher. In den Rock-Kategorien räumten die Foo Fighters im ihrem siebten Studioalbum "Wasting Light" gleich fünf Preise ab - eine grundsolide Band, gegen die niemand wirklich etwas haben kann. Und auch der große Sieger der Rap-Kategorien war keine Überraschung: Kanye West gewann vier Preise, mal mit, mal ohne Jay-Z - die HipHop-Titane schwänzten die Branchenfeier.
Und auch der am wildesten frisierte Preisträger, der Dance-Produzent Skrillex, der zwei Trophäen bekam, steht nicht für die große Innovation, sondern für die Aneignung eines britischen Stils (Dubstep) für den Massengeschmack der amerikanischen Jugend (ordentliches Gebolze).
Doch man wird sich nicht an ihn erinnern und seinen Auftritt als Teil eines fragwürdigen Club-Musik-Medleys, sondern die Grammys 2012 werden als Adeles Abend im Gedächtnis bleiben. "Die Inspiration für dieses Album war etwas, das wirklich normal ist und das jeder durchgemacht hat: eine schlechte Beziehung", sagte die Britin in ihrer Dankesrede. Auch Dave Grohl von den Foo Fighters betonte "das menschliche Element des Musikmachens".
Alles ganz normal, alles ganz menschlich: So gab sich die Musikwelt an einem Abend, der wegen der Tragödie um Whitney Houston kein ganz normaler war.