Grammy-Preisträger: Ladies' Night bei den Grammys
Grammy-Verleihung Lady wer?
Die Grammys, die am Sonntagabend in Los Angeles zum 53. Mal vergeben wurden, sind eine Art Leistungsschau der amerikanischen Musikindustrie. Auch in den USA sind mehrstündige Musikshows im Fernsehen zur Hauptsendezeit eine Seltenheit geworden, wenn nicht gerade das "American Idol" gesucht wird oder in "Glee" fiktionale Sternchen Coverversionen trällern. Wahrscheinlich ist diese Leistungsschau wichtiger denn je zu einem Zeitpunkt, wo die Hoffnung schwindet, dass die Online-Musikverkäufe eines Tages die weggebrochenen Erlöse aus dem CD-Markt ersetzen könnten.
Und wer ist der große Sieger einer solchen Veranstaltung? Lady Antebellum. Fünf Preise gewann diese Band, zwei davon in den Hauptkategorien "Bester Song" und "Beste Platte". Und die Welt außerhalb Amerikas fragt sich: Lady wer?
Charles Kelley, Dave Haywood und Hillary Scott gründeten die Band Lady Antebellum 2006 in der Country-Metropole Nashville, und schon mit ihrem Debütalbum gewannen sie allerlei Preise. Doch der ganz große Durchbruch gelang mit "Need You Now", einem Song über die nächtliche Sehnsucht nach dem Geliebten. Es ist ein geschickt komponiertes, freundlich sentimentales Stück Musik, das seine Herkunft aus dem Country-Genre mit ein paar Gitarrensound-Einsprengseln dokumentiert, ansonsten aber die Sorte Radiohit ist, die niemandem wehtut.
Lady Antebellum als großer Sieger der Grammy-Verleihung, das ist eine sehr amerikanische Wahl, denn schließlich ist Country nur dort als Genre so nah am Mainstream der Hörer dran. Der Rest der Welt begeistert sich immer wieder mal für einzelne Country-Stars - doch ob es ausgerechnet solche sein werden, deren Haupttugend darin besteht, nicht wehzutun und klanglich die Grenze zum Pop-Mainstream möglichst weitgehend zu verwischen, ohne die Image-Aufregungen des Pop mitzumachen?
Ebenfalls etwas wertkonservativ wirkt die Wahl der etwa 13.000 stimmberechtigten Mitglieder der Recording Academy in der Newcomer-Kategorie. Hier waren nominiert: das aktuell größte Teenie-Phänomen Justin Bieber, die von Kritik und Publikum geschätzten Britenbands Florence & The Machine und Mumford & Suns, sowie der Rapper/Sänger Drake. Und es gewann: Esperanza Spalding.
Die 26-Jährige Jazz-Bassistin und Sängerin spielt netten Wohnzimmer-Jazz und fällt vor allem durch eine eindrucksvolle Afro-Frisur auf. Jazzkenner sagen schon länger, dass sie den nötigen frischen Wind für die Jazz-Szene bringt - aber ob sie jenseits dieser Nische von Bedeutung ist?
Kanye twittert: "There is hope!!!"
Als Nischenmusik gilt wiederum seit jeher der Indie-Rock, dessen schleichender Einzug in den kulturellen Mainstream - zumindest in den USA - nun mit der Vergabe des dritten Hauptpreises für das beste Album des Jahres an die kanadische Band Arcade Fire sozusagen besiegelt ist. " We did it " titelte halbironisch wie immer der einflussreiche Blog Hipster Runoff zu diesem Erfolg. Doch veröffentlichen Arcade Fire zwar weiterhin ihre Musik bei dem Indie-Label Merge (und in Europa bei City Slang), doch ihre Musik sucht durchaus bewusst die Größe und Wucht des traditionellen Stadion-Rock von U2 über die Talking Heads bis zu Bruce Springsteen.
Dennoch gab es wohl kaum jemanden, der der Band aus Montreal diesen Triumph missgönnte. Per Twitter teilte sogar HipHop-Star Kanye West seine Sicht der Dinge mit: "#Arcade fire!!!!!!!!!! There is hope!!! I feel like we all won when something like this happens! FUCKING AWESOME!" Wests Album "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" hatte in den meisten Kritikerlisten "The Suburbs" von Arcade Fire als Album des Jahres 2010 überrundet - doch für die Grammys stand das im November erschienene Werk nicht zur Auswahl: Das Grammy-Jahr dauert von September bis September.
Diese Eigenart führt zu dem Eindruck, dass ausgerechnet die Genres, die im massenkompatiblen Pop der letzten Jahre für Erneuerung standen, nämlich R&B und HipHop, bei den Grammys diesmal etwas zu kurz kamen. Denn auch Bruno Mars' Album und die Single "Grenade" kamen zu spät für die Academy - dass er dennoch sechsmal nominiert war, verdankt der Hawaiianer seinem Produktionstalent für andere Künstler. Ein Preis gewann er schließlich für den Popsong "Just the Way You Are". Der andere Enttäuschte unter den Preisträgern war Eminem, der mit zehn Nominierungen die Favoritenliste anführte, am Ende aber nur zwei Preise in Rap-Kategorien mit nach Detroit nehmen durfte.
So spektakulär Lady Gagas Bühneneinzug im Ei auch war, so kam der wohl unterhaltsamste Auftritt des Abends aus dem R&B- und HipHop-Genre: Cee-Lo Green, dessen Hit im amerikanischen Fernsehen nicht "Fuck You" heißen darf, sang in einem quietschbunten Pfauenoutfit, mit den Muppets als Begleitband und Gwyneth Paltrow als sich auf dem Klavier räkelnder Duettpartnerin. Warum es für diesen Song nur den Preis in der Kategorie "Best Urban/Alternative Performance" gab, ist ein Rätsel.
Überhaupt sind es ja am Ende eher die Bühnenauftritte als die Preisträger, die von den Grammy-Shows in Erinnerung bleiben werden. Wie üblich wurde dabei auch in diesem Jahr der Schulterschluss zwischen Alt und Jung geübt: Christina Aguilera führte ein Sängerinnen-Sammelsurium an, das Genesungswünsche an die erkrankte Aretha Franklin überbrachte und Bob Dylan sang "Maggie's Farm" mit dem Folkie-Nachwuchs Mumford & Sons und den Avett Brothers im Schlepptau.
Doch diese generationsübergreifenden Annäherungen konnten nicht verbergen, dass der Popwelt, wie sie vom Grammy-Jahrgang 2011 repräsentiert wurde, so etwas wie ein einigendes Zentrum fehlte. Lady Antebellum jedenfalls kann es nicht sein - vielleicht muss dann eben im kommenden Jahr wieder Lady Gaga ran.