Grammys 2007: Hühner? Streithähne! - DER SPIEGEL
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Grammys 2007 Hühner? Streithähne!

Ein Country-Ensemble begeht Hochverrat, wird landesweit geächtet und jetzt mit Preisen überhäuft. Aber was soll's: Die Pop-Branche kann jeden Widerspruch verkraften. Oder besser noch: von ihm profitieren.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Dixie Chicks waren die Pop-Parias im Jahr 2003. Bei einem Konzert in London erklärten sie, sie schämten sich, aus dem selben Bundesstaat wie George W. Bush zu kommen. Zehn Tage vor Ablaufen des Ultimatums für Saddam Hussein wirkte dieser Kommentar wie Hochverrat. Die Country-Gemeinde in Amerika schmähte das Frauen-Ensemble, vom Radioboykott bis zu brennenden CD-Scheiterhaufen reichten die Sanktionen. Die Band solle in Album-Form ihrer Einstellung abschwören, verlangten einflussreiche Radio-Moderatoren.


Der Kotau blieb aus, stattdessen nahm Leadsängerin Natalie Maine auch noch eine Entschuldigung zurück, mit der sie sich nach der Londoner Provokation an ihre Landsleute gewandt hatte. Bei der Konzertournee zeigte die Band eine Videomontage von Malcom X und Ghandi, das Album präsentierte kritische Americana im Rockgewand statt staatstragendem Country-Gedudel. Die Hühner waren zu Streithähnen geworden.

Die Grammy-Verleihung holt nach, was die Zahlen schon seit geraumer Zeit belegen: Nicht nur bibelvernarrte Republikaner hören Country, sondern auch Demokraten - und außerdem ein Drittel der Afroamerikaner. Die Dixie Chicks waren - auch wenn ihnen das Brandmal als Nestbeschmutzer der Nation finanziell kurzfristig geschadet hat - nicht unbedingt auf die Cowboyhut-Fraktion angewiesen. Dazu nimmt die Bereitschaft, den Irakkrieg zu unterstützen, in der US-Bevölkerung immer weiter ab. Schon bei Erscheinen des Albums im Juli 2006 waren bereits 65 Prozent der Amerikaner gegen Bushs Einsatz im Mittleren Osten.

Wenn Pop auf Protest setzt, ist das also immer noch ein lukratives Geschäft: kein Skandal, kein Affront, der sich nicht medial verwerten ließe. Im Falle der Dixie Chicks ist das nicht weiter tragisch: Von ihrer politischen Korrektheit führt eine direkte Linie zu den bürgerrechtsbewegten Rädelsführern des Pop, allen voran Neil Young und Bruce Springsteen, die letztes Jahr ihre Utopie eines besseren Amerika vertont und damit zum Marsch auf das Capitol geblasen hatten.

Holzfäller aus dem Hinterland

Gibt es in den Songs der ebenfalls ausgezeicheten Red Hot Chili Peppers, Justin Timberlake und Mary J. Blige eine politische Agenda? Vom weißen Pop-Knaben jedenfalls weiß man mehr über seine Affären mit Hollywood-Actricen als über gesellschaftliches Engagement. Blige sondiert, wenn überhaupt, nur die Politik des Privaten, deren Dynamik in guter alter R&B-Manier aus Sichverlieben, Leiden und Sichtrennen besteht.

Wenn sich hier ein sozial relevantes Motiv ablesen lässt, dann vielleicht das einer Klasse, Ethnie und Geschlecht überschreitenden Kreativität, wie sie Rick Rubin verkörpert. Der hat Timberlakes Album ebenso mit zu verantworten wie die Dixie Chicks- und Red Hot Chili Peppers-Werke. Rubin sieht aus wie ein Holzfäller aus dem Hinterland, verfügt aber über eine stilistische Leichtfüßkeit, die ihn über alle Genre-Grenzen hinausträgt. Er schuf legendäre Alben für die Rapper Run DMC und für den Country-Poeten Johnny Cash, verhalf dem Popbarden Neil Diamond zum Comeback und befruchtete die Schwermetaller Metallica.

Die Grammys waren also auch eine Rick-Rubin-Hommage - und damit eine Bestätigung, das im Pop Hautfarben und Stile, Milieus und Haltungen nicht unbedingt an eine Person gebunden sind. Hier grenzt sich das Showbiz noch einmal deutlich von der Sphäre faktischer Macht ab: Die Allianzen des Künstlers sind, wenn auch von ökonomischen Zusammenhängen bestimmt, variabler, lustbetonter, zweckfreier. Ein Kriegsherr wie George W. Bush wird seine Linie nicht mehr ändern, ein Pop-Stratege wie Rubin sich gar nicht erst auf eine festlegen.

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