Grammy Awards in der Analyse: In Würde erstarrt - DER SPIEGEL
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Grammys 2015 In Würde erstarrt

Sam Smith heißt der große Grammy-Sieger, der Engländer wurde mit vier der wichtigsten Musikpreise geehrt. Nicht unverdient, wie auch der Überraschungscoup von Beck beim besten Album. Doch wo blieb der Spaß im Pop?
Grammys 2015: In Würde erstarrt
Grammys 2015: In Würde erstarrt

Grammys 2015: In Würde erstarrt

Foto: Lucy Nicholson / REUTERS
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Vor einer Woche trat Katy Perry in der Halbzeitpause des Super Bowl auf, holte Missy Elliott aus der Versenkung hervor, brachte zwei asynchron tanzende Delfine mit auf die Bühne, sang ihre größten Hits in bunten Kostümen und sorgte für Gesprächsstoff und gute Laune. Für so was holen sich Sportveranstalter einen Popstar ins Haus.

Nun, bei der nach Eigenwerbung "Größten Nacht des Jahres" für die Musik, bei den Grammy Awards, war Katy Perry wieder da. Sie sang eine Ballade aus ihrem Album "Prism", die anderthalb Jahre nach dessen Erscheinen immer noch nicht als Single ausgekoppelt wurde, ganz in weiß, vor einer Wand mit Schattenspielen.

War der zurückgenommene Auftritt die Revanche dafür, dass sie nach mittlerweile 13 Grammy-Nominierungen immer noch keinen der wichtigsten Musikpreise der Welt bekommen hat? Nein, der Grund war deutlich würdevoller: Katy Perrys Song war Teil eines Segments, in dem Präsident Barack Obama mit einer kurzen Ansprache eine Initiative gegen häusliche Gewalt startete.

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Foto: Frederic J. Brown / AFP

Damit passte er ins Bild bei einer Show, in der die getragene Stimmung dominierte: Beyoncé sang Martin Luther Kings Lieblingsgospel "Take My Hand, Precious Lord". Kanye West stand allein, nur von einem Spot aus dem Boden beleuchtet, auf der dunklen Bühne. Lady Gaga gab sich als traditionelle Croonerin im Duett mit dem 88-jährigen Tony Bennett. Und Usher suchte sich aus Stevie Wonders an Partysongs reichem Repertoire das verträumte "If It's Magic" aus.

Auch bei den Preisträgern gewann im Zweifel das gemessenere Tempo: Einen großen Überraschungserfolg konnte der Songwriter Beck landen. Der mittlerweile 44-Jährige war zwar schon mit "Odelay" (1997) und "Midnite Vultures" (2001) fürs Album des Jahres nominiert; nun aber bekam er die Auszeichnung für das ruhige, aber auch sehr schöne "Morning Phase".

"Morning Phase" ist ein Album im emphatischen Sinne, keine Zusammenstellung großer Songs von verschiedenen Produzententeams, sondern das Durchbuchstabieren einer Stimmung vom ersten bis zum letzten Lied; insofern passte seine Prämierung auch zu der Ansprache von Präsentator Prince (ganz in orange), der ein Plädoyer für das Album gehalten hatte: "Albums, like books and black lives, still matter", sagte er mit einem politischen Seitenhieb auf die Schüsse von Ferguson und die Folgen.

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Foto: Jason Merritt / AFP

Der Album-Coup des der Sekte Scientology nahestehenden Beck sorgte auch für einen der großen Social-Media-Momente der Grammy-Nacht: Kanye West, der ja schon mehrfach bei Preisverleihungen auf die Bühne stürmte, wenn ihm der Gewinner nicht passte, war schon wieder kurz vor dem Mikrofon, als er sich seines neuen, erwachseneren Images als Familienvater erinnerte - und die Bühne wieder verließ. Der ganze Spuk passte zeitlich perfekt in ein Vine-Video:

Wahrscheinlich wollte Kanye West zugunsten von Beyoncé intervenieren, die aber trotz dreier Preise (zwei in R&B-Kategorien für den Sex-Song "Drunk in Love" und den Surround-Sound ihres Albums) zu den Verlierern des Abends gehörte. Dabei war ihr Album nach seiner Überraschungsveröffentlichung Ende 2013 nahezu einhellig bejubelt worden.

Lustigerweise war auch eines von Kanyes "Opfern" unter den Zukurzgekommenen des Abends: Taylor Swift, deren Dankesrede bei den MTV Awards 2009 der Rapper gestört hatte, ging in den Kategorien "Lied des Jahres" und "Aufnahme des Jahres" mit dem Radio-Dauerbrenner "Shake it off" ebenso leer aus wie die umstrittene australische Rapperin Iggy Azalea, die trotz vier Nominierungen ohne Preis nach Hause ging.

Drei der vier genreübergreifenden Königskategorien unter den über 80 Preisen gingen an den Londoner Sam Smith, der damit seiner Landsfrau Adele nachzufolgen scheint: Wie diese entspricht er nicht unbedingt den gängigen Schönheitsidealen der Branche, weiß aber mit souveränem Auftreten und vor allem großer Stimme zu gefallen.

Doch seinen großen Grammyabend mit insgesamt vier Grammofon-Trophäen verdankte Smith vor allem einem Lied - natürlich einer Ballade. Er sang sein "Stay with me" auch bei der Galashow, begleitet von Streichern und Chor, im Duett mit der Soul-Diva Mary J. Blige.

Klaustrophobischer Ausdruckstanz

Zwei Männer mit ruhiger Musik - Beck und Sam Smith - sind also die großen Sieger bei der Rückschau auf ein Jahr 2014, in dem doch eigentlich weiterhin die Frauen die Popcharts dominiert hatten, von Beyoncé bis Taylor Swift über Newcomerinnen wie Iggy Azalea oder Meghan Trainor, von Helene Fischer in Deutschland gar nicht zu reden. Vielleicht sollten die ruhigen Töne der beiden Herren besänftigen, angesichts der aufgewühlten Weltlage.

Die spektakulärsten Auftritte des Grammy-Abends kamen dann aber doch wieder von den Frauen: Die Songwriterin Sia Furler setzte ihr gekonntes Versteckspiel in der Öffentlichkeit fort, indem sie ihr "Chandelier" mit dem Gesicht zur Wand vortrug, während im Vordergrund zwei Freundinnen in Sia-Perücken einen klaustrophobischen Ausdruckstanz vortrugen. Eurythmics-Veteranin Annie Lennox beeindruckte als Gast des irischen Newcomers Hozier mit Stimmgewalt.

Und dann war da noch Madonna: Nach all dem Ärger um die vorab geleakten Songs ihres kommenden Albums "Rebel Heart" sang die 56-Jährige in einem beinfreien Torero-Kostüm die Zeilen "Not giving up, I'm gonna carry on" und ließ sich von ihren als Stiere verkleideten Tänzern auf die Hörner nehmen, bevor sie an einem Seil in den Bühnenhimmel gehievt wurde.

Das erwartete Spektakel, also. Es tat gut an diesem allzu zurückgenommenen Abend.