Green Days "Warning" Gitarren, gut geklaut
Soll das wirklich Reklame für eine respektable Punkband sein? "1988 ging noch alles um Mädchen, im Jahr 2000 geht es um Leben, Familie und Zukunft", heißt es im Begleitblatt der Plattenfirma zur neuen Green Day-CD "Warning". Zur Hausband der Bundesfamilienministerin wird sich das Trio aus dem Norden Kaliforniens trotz der neu entdeckten Werte aber nicht qualifizieren, Titel wie "Deadbeat Holiday" oder "Blood, Sex & Booze" dürften Frau Bergmann doch etwas suspekt erscheinen.
Entwarnung also: Der Unterschied zu den früheren Alben besteht lediglich darin, dass Green Day jetzt auch mal etwas nachdenklichere und melancholischere Texte schreiben und das Tempo der Songs etwas gedrosselt haben. Passten bei der Vorgänger-CD "Nimrod" noch 18 Lieder in eine gute Dreiviertelstunde, so reicht dieser Platz jetzt nur noch für zwölf Nummern. Kein Wunder, haben sich Green Day auf "Warning" statt an den Ramones oder den Buzzcocks doch eher an älteren Einflüssen orientiert.
So beginnt "Misery" wie die "Whisky Bar" von Brecht und Weill und schunkelt dann mit viel Akkordeon und französischem Hafenkneipen-Flair munter weiter. In "Hold on" findet sich eine Mundharmonika, wie sie John Lennon um 1963 auch gespielt haben dürfte, "Jack Ass" beginnt mit einem Gitarrenintro, das von der Kinks-Nummer "A Well Respected Man" abgekupfert ist, und geht dann in Akkorde über, die sehr an "My Generation" von The Who erinnern.
Klar, dies sind sicher nicht die schlechtesten Einflüsse, und da ihre Melodien ohnehin oft aus den Sixties stammten, haben sich Green Day nun eben etwas gründlicher in der Frühgeschichte des Pop bedient. Herausgekommen ist das wohl abwechslungsreichste Album der zwölfjährigen Band-Historie, auch wenn man sich beim Durchhören gelegentlich fragt, worin denn eigentlich der Eigenanteil der (Ex-)Punks besteht. Aber das ist vielleicht die falsche Frage, schließlich kommt es im Pop immer darauf an, wie gut man anderswo klaut. Und Green Day haben ihre Fundstücke zu ziemlich guten Songs zusammengebaut.
Ein Hit wie "Basket Case" oder "When I come around" findet sich nicht unbedingt auf "Warning", was natürlich auch daran liegt, dass die Punk-Welle seit Mitte der Neunziger deutlich abgeebbt ist. Aber das fröhliche "Deadbeat Holiday", sozusagen eine Fortsetzung von Jello Biafras "Holiday in Cambodia", taugt ebenso zum Ohrwurm wie "Macys Day Parade". Melodien und Arrangements stimmen und mit "Castaway" gibt es immerhin noch eine glatte Punk-Nummer. Wenn sich "Leben, Familie und Zukunft" so anhören, stehen uns rosige Zeiten bevor.
Green Day: "Warning" (WEA)