Händels Hit Echt kölnische Wassermusik
So muss man eigentlich Musik machen: im lockeren Verein mit variablen Mitgliedern, verschiedenstem Material, unter eigener Regie, ohne festen, allein bestimmenden Maestro am Pult. Klingt ein wenig anarchisch, ist aber immer häufiger das Erfolgsrezept zeitgenössischer Orchester abseits der normalen Großklangkörper. Seit über zwanzig Jahren verfahren die Musikerinnen und Musiker des Concerto Köln nach diesem Prinzip, und sie haben enormen Erfolg damit. Zwar ist immer noch das Musizieren auf Originalinstrumenten ihre Domäne und Barockmusik die künstlerische Heimat, doch sie können inzwischen viel mehr.
2008 eröffneten sie das neue Hamburger Musikfestival "Ostertöne" mit ihrer Version des Deutschen Requiems von Johannes Brahms, die mal ganz anders klang. Nicht tief melancholisch und durchwirkt vom rauen Küstenwind, sondern eher klar, analytisch und durchaus knapp und kammermusikalisch hell durchleuchtet. Das drohend donnernde Brahms-Hauptwerk nahm sich in dieser kargen Form dann doch wieder irgendwie evangelisch und hanseatisch aus. Ein kleines Wunder, made in Köln. Und der Beweis, wie elastisch und scheuklappenfrei das Ensemble Concerto Köln heute klingt. 1985 startete das Unternehmen, das heute keinen internationalen Vergleich scheuen muss. Doch mit ihrem neuen Album gehen sie mal wieder klassisch gewohnte Wege auf ihre Art.
Georg Friedrich Händels drei Suiten, die unter dem Titel "Wassermusik" zusammengefasst sind, gehören zu den absoluten Hits der Barockmusik. Die verschiedenen Geschichten, die sich um Entstehung und Aufführung der Stücke ranken, sind allein schon bühnenreif. Zumindest die Versöhnung vom 22. August 1715 zwischen dem englischen König George I. und seinem Komponisten Georg Friedrich Händel (16851759) mittels dieser Musik scheint verbürgt: Der früher in Hannover ansässige englische König und ehemalige Arbeitgeber Händels war seinerzeit sauer über den Wechsel seines Vorzeigekreativen nach London. Jetzt regierte Georg I. selbst wieder in der englischen Hauptstadt. Was für ein Zusammentreffen und auf der Themse schlossen sich beide zu den Klängen der eigens für diese Flusspartie komponierten Verbrüderungs-Musik wieder in die Arme.
1717 stellte Händel erneut die Londoner Musikwelt auf den Kopf, als er mit der zweiten, der heute populäreren Wassermusik-Suite noch einmal den König bei einer Bootsfahrt auf der Themse entzückte. "Our Haendel", wie die Engländer ihren damaligen Lieblingskomponisten nannten, hatte seinen Fluss-Coup wiederholt und einen weiteren Hit gelandet. Auf den Elton John des Barock war eben Verlass.
Diesen Geist des flotten, aber auch raffinierten Spiels spiegeln die rasanten Interpretationen des Concerto Köln makellos wider. Die trocken bollernden und tremolierenden Hörner reiben sich mit den swingenden Streichern, die klaren und markanten Holzbläser bieten den strahlenden Trompeten Paroli. Besonders die eingängige zweite Suite (HMV 349) klingt von den Kölner Könnern frisch und unverbraucht, was angesichts der so bekannten oft gehörten Melodien unerwartet erfreut. Rheinischer Frohsinn von bester Art.
Aber zur bekannten Wassermusik gibt's auf der neuen CD als Zugaben noch zwei weitere kleinere Stücke, die unter der Gattungsbezeichnung "Sinfonia" spätere Großformate der Klassik zumindest ahnen lassen. Besonders die beschwingte Sinfonia in B-Dur (HMV 339) fegt mit entfesseltem Allegro los und zeigt, wie viel Atmosphäre und doppelbödige Spannung Händel in gerade mal drei Minuten packen konnte. Inspiriert von den Kollegen Telemann und Muffat, schimmerte Händels Genie in diesem Jugendwerk aus der Hamburger Zeit schon hell auf. Auch das ist eine Stärke des Concerto Köln: Immer auf der oft erfolgreichen Suche nach verschütteten Juwelen die Musiker haben schon oft dokumentiert, wie sehr sich so was lohnt. Nicht nur, wenn es sich um große Namen wie Händel handelt.