Hamburger "Hoffmann"-Premiere: Murks mit Marilyn - DER SPIEGEL
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Hamburger "Hoffmann"-Premiere Murks mit Marilyn

Frauen, Drogen, Dramen: Jacques Offenbachs Opern-Klassiker "Hoffmanns Erzählungen” bietet jede Menge Voyeursstoff. Und die Hamburger Neuinszenierung? Ist bunt, bilderselig - und leider ungefährlich.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

So sind sie, die Künstler! Immer am Rande des Nervenzusammenbruchs, gepeinigt von Feinden und Neidern, heimgesucht von schönen Frauen, dem Trunke und schlimmeren Drogen nicht abgeneigt, der Blick stier wie der des seligen John Belushi: Der neue Hamburger "Hoffmann" an der Staatsoper trägt in seinen "Erzählungen” von Beginn an mächtig Farbe auf.

Christine Mielitz, international erfolgreiche Regisseurin und Wagner-Expertin, lässt an Hoffmanns Ursuppe des Künstlerleids nichts anbrennen. Sie plakatiert schnell, grell und zielsicher ihre Auffassung von Jacques Offenbachs Vexierspiel, fast als fürchte sie, irgendetwas an dieser brausenden Höllenfahrt könnte im Unklaren bleiben. Da besteht allerdings keine Gefahr - das Publikum bleibt während des Dreieinhalb-Stunden-Rausches buchstäblich immer im Bilde.

Aus der Fülle der möglichen "Hoffmann"-Fassungen wählte Mielitz für ihre Inszenierung die erst zwei Jahre alte historisch-kritische Neuedition von Michael Kaye und Jean-Christophe Keck aus, inklusive des oft weggelassenen Septetts im Giulietta-Akt und der "Spiegel-Arie". Ein klares Votum für Bühnen-Verve, eine Verbeugung vor Aufführungshistorie und Publikum. Und das Bemühen um deftige Wirkung treibt denn auch die Inszenierung an.

Aus der brodelnden Hölle des Kopfes

Die Frauen, die den Dichter Hoffmann zum Äußersten treiben, hat die Regisseurin als sehr eindeutige Projektionsflächen eingerichtet. Sängerin und Opernstar Stella, Hoffmans Angebetete im "richtigen" Künstlerleben, ist Auslöser und dramaturgische Klammer für die weiblichen Visionen, die ihn zugleich plagen und antörnen.

Die Puppe Olympia, die Sängerin Antonia und die Hure Giulietta - sie allesamt sind fiese Träume aus unerfüllter Liebe, Stella-Variationen, kein erlebtes Leben, sondern Phantasie - erschaffen von Hoffman, aus der brodelnden Hölle seines Kopfes. Doch diese Hölle lodert auf der Hamburger Staatsopern-Bühne nicht gerade anarchisch.

Allzu naheliegend beginnt der Reigen in einer neonbeleuchteten Theaterbar, die sinnigerweise "La Diva" heißt. Es muss dann auch unbedingt Marilyn Monroe sein, die der mechanischen Puppe Olympia ihre Optik leiht. Mehr traut Regisseurin Mielitz der Männerphantasie wohl nicht zu.

Albert Einstein stand für den Erfinder Spalanzani Pate, seinen Gehilfen und Techniker modellierte sie zu einem Zwitter, der zwischen moonwalkendem Michael Jackson und Elvis Presley changiert - so flankiert, wird Olympia für ihre berühmte Koloraturarie per Laptop animiert und schließlich auf Überlebensgröße grotesk aufgeblasen. Der Olympia-Akt parodiert sich selbst: Die Lächerlichkeit, der Hoffmann sich durch seine Puppenliebe preisgibt, wirkt halt so banal, wie es das Marilyn-Symbol ist.

Pete Doherty lässt grüßen

Und weiter geht’s im bildkräftigen Pop-Panoptikum: Die Sängerinnen, die Hoffmann anhimmelt, pflegen im dekorativen Rot-Schwarz-Outfit die gängige Netrebko-Anmutung. Das Künstler-Helferlein Pittichinaccio gemahnt im vierten Akt an das verlotterte Rock-Genie Pete Doherty, Pop-Helden als Künstler-Spiegelbilder liefern eindeutig-schlichte Eins-zu-eins-Abbildungen in Fülle. Dazu bauen sich immer wieder große, glatte Reflektionsflächen vor Hoffmann auf - der tatsächliche Spiegel als Chiffre des Gefängnisses, aus dem der von seiner Stella-Liebe besessene Dichter nicht ausbrechen kann.

Die Bühnenbilder wirken ebenso geradlinig wie die Figuren: Die Räume und Szenen der Hoffmann-Phantasien sind stets kastenartig verkleinerte Versionen seiner Realität - gedrängt, quälend klaustrophobisch: Das Bild folgt dem Wort. Gesagt, getan, wenn man so will - eine geheimnislose Inszenierweise, die das Publikum stets auf Augenhöhe hält. Eine angenehme Situation - Theater mit Sicherheitsgurt. Dennoch ist das stets bewegliche, dynamische Bühnenbild (Hartmut Schörghofer) das zwingendste und kraftvollste Element der Inszenierung.

Top-Ensemble, brave Inszenierung

Wenn da nicht noch das Top-Ensemble wäre: Emmanuel Plasson dirigiert mit sicherer Hand und unfehlbarem Gespür für den spritzigen Offenbach-Sound. Giuseppe Filianoti serviert schauspielerisch einen ebenso strahlenden wie zerquälten Hoffmann, sein Tenor glänzt makellos auch noch am Ende der heftigen Partie, ebenso wie Nino Surguladze (als seine Muse und Diener Nicklausse). Sopran-Königin und wirkliche Diva dieser "Erzählungen" ist allerdings die rumänische Sängerin Elena Mosuc, die in allen Frauenrollen stimmlich schillert, ihre Kräfte klug disponiert und am Ende den traurigen Helden Hoffmann enttäuscht in die Wüste der Einsamkeit schickt. Geglückter Schluss einer insgesamt zwar emotional hochgepeitschen, aber eher braven Inszenierung. Doch dem Publikum gefiel die professionelle "Hoffmann"-Revue, es bedachte Sänger und Regieteam mit Ovationen.

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