Hamburger "Ring" Rheingoldiges Spießer-Idyll
Niedrige Decke, enger Raum, verschossene Möbel - wo drückender Bürgermuff das Dasein bestimmt, können auch große Pläne und Gedanken kaum zu höherer Einsicht und Weisheit führen. Miefige Macht regiert die Welt. Walhall, die neue Wohnstätte für Familie Wotan ist errichtet, steht als kleines Fertighaus-Dummy auf drehbarer Scheibe da, eine Art Modelleisenbahn-Welt. Regisseur Claus Guth geht den neuen Hamburger "Ring des Nibelungen" kleinteilig an - und hat damit den Kern der Wotan'schen Gedankenwelt recht präzise dargestellt.
Die Geschichte von Weltbeherrschung, die auf Betrug und Gewalt basiert, ist so klassisch wie aktuell. Dabei ist die Vorstellung, die "Ring"-Götter als eine letztlich provinzielle Bürger-Bande zu sehen, so neu nicht. Den zeitgenössisch so oft bemühten "Wotan mit der Aktentasche" hatte vor Jahren der prominente Wagner-Kenner Loriot schon satt. Bei Guth sind's zum Schluss kühle Alukoffer voller Scheine, mit denen die Riesen Fasolt und Fafner für ihren Walhall-Bau entlohnt werden - was nicht originell ist, aber passt. Die Bilder und Symbole, die Regisseur Guth wählt, sind einfach und geradlinig, nicht philosophisch überhöht. In diesem "Ring" entsteht das Böse und Falsche aus dem Kleinen: Die große Burg Walhall ist am Ende doch nur ein vergrößertes Wohnzimmer.
Satte Bläser, differenzierte Streicher
Fast übertrieben satirisch der Kalauer zu Beginn: Die übermütigen Rheintöchter, allesamt vorpubertäre Gören, toben mit dem armen, verhöhnten Alberich durch ein großes Bett (ein Flussbett!) - haha, kann man da nur sagen. Immerhin werden die drei Minigrazien von Ha Young Lee, Gabriele Rossmanith und Ann-Beth Solvang brillant gesungen. Derweil kriecht sich der sängerisch wie schauspielerisch sehr gediegene Wolfgang Koch als Hausmeister mit Kärcherspritze und Schutzanzug zum scheinbaren Lustgewinn. Was für ein fulminanter Auftakt, vorbereitet von Simone Youngs äußerst konzentriert spielenden Philharmonikern, die von Beginn an beste Leistung boten. Da war nichts zu meckern: Satte Bläser, differenzierte Streicher, kontrollierte Kraft; es machte Spaß dieses Orchester zwischen zarten Soundgeweben und prallen Tutti-Explosionen zu erleben. Zumal Simone Young der Partitur viele bestechende Details und Feinheiten entlockte.
Für fast alle Rollen - mit Ausnahme des prominenten Gastes Falk Struckmann als Wotan - waren Interpreten aus dem Staatsopern-Ensemble gewählt worden, die obendrein zum größten Teil noch ihr Rollendebüt gaben. Gut gewählt, kann man nur sagen, denn etwa Jan Buchwalds komischer Donner und Ladislav Elgrs jungenhaft strahlender Froh purzelten in ihren nostalgischen Schülerkostümen von anno dazumal mit überschäumender Spielfreude über die Bühne - schließlich war die muntere Persiflage das Gebot des Abends.
Kaum weniger überdreht die Riesen: Fasolt (Tigran Martirossian) und Fafner (Alexander Tsymbalyuk) platzen als Vorzeige-Zuhälter mit breiten Schultern, eng geschnittenen Anzügen und Goldkettchen in die Bürgerwelt; ein perfekt klischeehafter Kontrast zu Falk Struckmanns trocken-väterlichem Wotan. Mit seinem grau-öden Westenanzug agiert der irgendwo zwischen Professor Unrat und Feuerzangenbowle, eine zwiespältige Witzfigur. Als er den Macht verheißenden "Ring" endlich dem Besitzer Alberich abgerungen hat, legt er sich versonnen auf seine Spielzeuglandschaft, mit dauererigiertem Arm, den Ring in der Hand - ein großes Kind mit großer Macht.
Charme eines windigen Varieté-Veteranen
Die Damen der Runde überzeugen dagegen nicht ganz so sehr. Katja Piewecks Fricka tönt ein wenig zu schlank für die starke Göttergattin, und Hellen Kwon als Jugend versprühende Göttin Freia bleibt stimmlicher eher blass. Die Erda von Deborah Humble hingegen, umwerfend edel in Trenchcoat, Schaltuch und Sonnenbrille, gab ihrem Kurzauftritt ein perfektes Profil.
Als quirliger Bringer der Inszenierung entpuppte sich der nett ausstaffierte Loge, den Peter Galliard mit dem Charme eines windigen Varieté-Veteranen gab. Kleine, bescheidene Zaubertricks, billig glänzendes Jackett, tänzelnde Schritte und eitle Gesten, es war alles da, was den Schmierenkomödianten auszeichnet. Zwar wäre weniger dicker Strich bei der Charakterzeichnung effizienter gewesen, aber immerhin musste Meister Loge gegen einen Donner-Gott mit Spielzeugschlegel antreten - ein echter Hammerwitz.
Wenn auch die Gags zum Teil etwas staubten und übertrieben wirkten, die Interpreten oft sehr überagieren mussten, so verlief das als dramaturgisch heikel eingestufte "Rheingold" in dieser Inszenierung doch ausgesprochen kurzweilig. Zumindest darf man nach der kleinteiligen Eröffnung auf die im Oktober folgende "Walküre" gespannt sein, wenn die Witze sich ein wenig wandeln.