Hamburger Staatsoper: Kommt ein Märchen geflogen - DER SPIEGEL
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Hamburger Staatsoper Kommt ein Märchen geflogen

"L'Upupa" (der Wiedehopf) ist Hans Werner Henzes jüngste Oper und ein veritables Alterswerk des inzwischen 80-Jährigen: versöhnlich, märchenhaft und weltumspannend. Die deutsche Erstaufführung fand in Hamburg statt, mit Mut zu Kitsch und Ironie.
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Ist denn heut’ schon Weihnachten? Als verfrühtes Festmärchen offerierte die Hamburger Staatsoper zur Saisoneröffnung die deutsche Erstaufführung von Hans Werner Henzes "L’Upupa und der Triumph der Sohnesliebe". So bunt, wie es sich für eine orientalische Erzählung à la Tausendundeine Nacht gehört, rauschte die bilderselige Oper über die Rampe: Alles, was es an Märchen-Stereotypen gibt, fand statt. Der Vater mit den drei Söhnen (zwei verdorben, der jüngste edel und gut), die Aufgabe auf Leben und Tod, die gefangene Prinzessin, der strenge, aber grundgute Fremde, dazu ein mystischer Dämon als Freund und Helfer, Selbstlosigkeit am Schluss - da drohten die Klischees zu stauben, und unfreiwillige Komik lauerte. Aber weit gefehlt: In Zeiten, da Mystik, Sinnsuche und klassische Werte wieder Konjunktur haben, bekommt auch das Märchenhafte wieder seine Chance. Umso mehr, wenn hier und da Ironie und heiterer Witz aufblitzen.

Hans Werner Henze, der die Oper 2003 als Auftragswerk für die Salzburger Festspiele fertiggestellt hatte, schrieb erstmals auch das Libretto - und schien sich vorgenommen zu haben, den Stoff ordentlich gegen den Strich zu bürsten. Wenig opernhafte Diktion und kaum gestaltete Kunstsprache, sperrig gegen den Rhythmus der Musik gesetzt, dazu unterbrochen von Sprechgesang: Das ächzt nicht schlecht und ätzt gegen die Romantik. Mit einem Riesenorchester, grellen Klangfarben und viel brachialer wie fein tönender Perkussion fächert Henze Soundteppiche auf, die neben verwirrender Akkordtechnik auch noch alle Düfte des Orients zu transportieren scheinen.

Das hörte sich zuweilen wie satte Filmmusik an, die schwirrenden Harfen gemahnten gar an Martin Scorseses "Taxi Driver”, und viele Ensembles klangen süß inmitten scharfer Atonalität. Dazu benutzte Henze "natürliche" Klänge wie Vogelstimmen und Flügelschlag ("Bruitage"), denn "L'Upupa" ist der italienische Name für den Wiedehopf, und den vermisst der alte Großwesir schmerzlich - er entflog, als er ihn berühren wollte. Seine Söhne sollen ihm seinen Lieblingsvogel wieder beschaffen, doch nur der jüngste, Kasim, ist der Aufgabe gewachsen, die beiden anderen sind faul und intrigant, wollen ihm am Schluss gar ermorden.

Kiss und Kendo

Kasim, im Gegensatz zu allen anderen wunderbar unhistorisch als eine Art "Lonely Planet"-Traveller-Prinz mit Rucksack und Cargo-Hose ausgestattet, bekommt Assistenz durch seinen persönlichen Dämon. Der sieht aus wie ein geflügelter Metal-Rocker und entfernter Verwandter von Gene Simmons (Kiss): Ein ideales Paar für dicke und dünne Handlungsstränge, wie sie sich in Henzes Märchen nach syrischer Vorlage aneinanderreihen.

Die einzelnen Szenen der Handlung (von Henze "Tableaus" genannt) strotzen dann auch nur so von Ausstattungs-Opulenz und Beleuchtungsgrandezza. Afrikanisch anmutende Riesenmasken, tanzende Derwische, schaukelnde Schönheiten und Kendo-Ninja-Ballett: Alles ist in "L'Upupa", und Regisseur/Lichtdesigner Josef E. Köpplinger, Bühnenbauer Rainer Sinell samt Kostümbildnerin Marie Luise Wanek ließen keine Möglichkeit aus, die Szenerie in Farbe, Licht und Bewegung zu tauchen. Sehr bunt, sehr geradlinig, sehr nah an der Grenze zum allzu Gefällig-Naheliegenden. Doch die überbordende Optik harmoniert glänzend mit der märchenhaften Handlung und dem freudig lustvollen Spiel der Sänger, die sich spürbar wohlfühlten in der Szenerie.

Raumschiff Erde hebt ab

Roberto Saccà, einer der besten lyrischen Tenöre derzeit, überzeugte mit strahlender Höhe und kontrollierter Kraft in der Rolle des sympathischen Dämons und heimste verdient den meisten Applaus ein. Knapp gefolgt von der Koreanerin Ha Young Lee in der Rolle der Prinzessin, die mit nicht weniger sopranistischer Stimmkraft Glanz und Ausstrahlung verbinden konnte. Da blieb der gute Sohn Kasim (Teddy Tahu Rhodes) mit hohem Bariton nur dritter Sieger, was er aber mit natürlicher Spielfreude mehr als wettmachte. Opernchefin Simone Young, die schon zum Start der letzten Saison mit Hindemiths "Mathis der Maler" auf Risiko ging und gewann, konnte auch mit Henzes schillernder Partitur glänzen: Nach anfänglichen Ruckeligkeiten steigerte sich ihr Orchester am Schluss zu lyrischer Größe. Als die gesamte Bühne sich in die Unendlichkeit des Sternenhimmels zu bewegen schien, tönte es beinahe überirdisch. Raumschiff Erde, total abgehoben: Da flog das Märchen tatsächlich.