HipHop 2001: Amerika im Umbruch - DER SPIEGEL
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HipHop 2001 Amerika im Umbruch

New York? L.A.? Oder der Süden? Auch für einschlägig Vorgebildete ist die Welt des US-HipHop mittlerweile unüberschaubar geworden. Dabei passiert gerade im Indie-Bereich Spannendes. Eine aktuelle Bestandsaufnahme.
Von Holger In't Veld
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Streit gab es von Anfang an. Selbst als HipHop Mitte der Achtziger noch auf die New Yorker Stadtteile Queens und Brooklyn begrenzt war, beharkte man sich um die alles entscheidende Frage, wer Original und wer Kopie war. Erst mit dem Auftreten von Los Angeles und seiner erfolgreichen Hollywood-Inszenierung von Gangsta-Rap einte sich die New Yorker Szene. Lange Jahre überdeckte der medial befeuerte Städte-Zwist dann das kulturelle Leben zwischen den Küsten. Dabei wurde längst nicht nur im Süden und mittleren Westen gerappt, auch der Rest der Welt hatte sich das Prinzip von Beats, Cuts und Rhymes angeeignet und die Frage nach Authentizität längst über Bord geworfen.

Davon profitiert, das zeigt die Gegenwart, auch der US-HipHop. Es geht nicht mehr um "real" und "fake", "East" und "West", sondern um gut und schlecht. Der Mainstream stagniert, neue Produktionsstätten treten auf den Plan und die Independent-Szene ist so lebendig wie schon lange nicht mehr. In Charts-Notierungen freilich lassen sich die neuen Umtriebe noch nicht messen. Wie schon 1999, so hatten auch im vergangenen Jahr der unermüdliche Südstaaten-Produzent Master P und der New Yorker Konsens-Rapper Jay-Z die fettesten Gänse auf dem Weihnachtstisch.

Was die diversen subkulturellen Ausdifferenzierungen angeht, so funktioniert die alte HipHop-Hauptstadt New York als Mini-Kosmos: Neben dem anhaltenden Erfolg von Jay-Z war das Jahr neben halbgaren Solo-Projekten ehemaliger A-Tribe-Called-Quest-Mitglieder und dem Versuch von De La Soul, sich den aktuellen Radiovorgaben anzunähern, in erster Linie vom Verschwinden alter Helden geprägt. Einzig die Irren aus Staten Island, der Wu-Tang Clan, konnte mit einer kaum für möglich gehaltenen dritten Platte noch mal geschickt zwischen Charts und Underground grätschen.

In den Kellern floriert derweil das Leben: Allen voran das hoch gelobte Label Rawkus, das mit Mos Def die Lichtgestalt des ebenso politischen wie musikalischen HipHop unter Vertrag hat. Von dem kam 2000 zwar keine neue Platte, doch wurde die Lücke von der Solo-Veröffentlichung seines Partners Talib Kweli gut gefüllt. Auch die zweite Folge der in New Yorker Underground-Clubs geborenen Rawkus-Leistungsschau "Lyricist Lounge" brachte neue und bekannte Namen, Soul und Rap in ein kreatives Miteinander. Mit Industrie-Verträgen ausstaffierte Mittler wie Dilated Peoples und Black Eyed Peas stehen hier für eine freundlich-verspielte Seite des HipHop, ebenso aber die in L.A. beheimateten Jurassic Five.

Am Pazifik ist die Indie-Struktur jedoch längst nicht so etabliert wie in New York, konstant veröffentlichende Ikonen wie Kool Keith oder The Pharcyde mühen sich auf Kleinstlabeln ab. Hier hat der Gangsta-Pate Dr. Dre wieder die Fäden in der Hand und mit Snoop Dogg ein altes Bündnis erfolgreich wiederbelebt. Der Ort für Westküsten-Experimente ist eindeutig San Francisco, wo mit People Under The Stairs, Lootpack und Rasco eine Reihe von Künstlern auf den Plan getreten sind, die auch hier zu Lande für Begeisterung sorgen. Dies ist insofern nicht weiter verwunderlich, als die dahinter stehenden Plattenfirmen OM und Stones Throw wie auch das New Yorker Indie-Rocklabel Matador sich dem Thema aus einem College-Blickwinkel nähern, dessen Umfeld von weißer Kultur geprägt ist. Die Schnittmenge zum Mainstream bildet hier der begabte Rüpel Eminem, dessen Erfolg weder von seiner Hautfarbe noch von seiner (Detroiter) Herkunft beeinträchtigt wird.

Der amerikanische Süden ist geprägt von Master Ps schmuddeliger Goldgrube No Limit. Aus diesem Ambiente stammt der James-Brown-Fan Mystikal, dessen sexistischer Funk bis vor kurzem die US-Charts anführte. Die ebenso erfolgreichen Ensembles Goodie Mob, Bone Thugs-N-Harmony und OutKast stehen jedoch für eine ganz eigene, dem Doo-Wop und dem Soul verpflichtete Tradition. Letztere veröffentlichten mit dem Genre-übergreifenden Meisterwerk "Stankonia" eine der herausragendsten HipHop-Platten des letzten Jahres.

Ein letzter Beleg für die schwindende Vormachtstellung der Küstenmetropolen findet sich auch im Bereich der DJ-Kunst. Hier war in 2000 von den großen Scratch-Kollektiven X-ecutioners (New York) und Invisibl Skratch Piklz (San Francisco) nichts zu hören. Die aufregendste Veröffentlichung kam von einem Hongkong-Chinesen namens Kid Koala. Der veröffentlicht auf einem Londoner Label (Ninja Tune) und kommt aus Montréal, Kanada...