Hit-Lieferant Frank Ramond: Der Mainstream-Mann - DER SPIEGEL
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Hit-Lieferant Frank Ramond Der Mainstream-Mann

Immer haarscharf am Schlager vorbei: Hinter den erfolgreichen CDs von Annett Louisan, Roger Cicero und Barbara Schöneberger verbirgt sich der Songwriter Frank Ramond. Seine Texte treffen den Nerv eines von der Musikbranche lange vernachlässigten Publikums.
Von Stefan Krulle
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er sitzt da, auf einem Ledersofa in den Räumen seines Verlegers, leicht nach vorn gebeugt, aber nicht angestrengt, und hört zu. Immer mit Blickkontakt, oft mit einem angedeuteten Lächeln. Er ist erstaunlich wenig eloquent, spricht anfangs fast nur in Hauptsätzen, versucht sich zu Recht zu finden, als sei nicht er der Interviewte und müsse sich jetzt was Schlaues einfallen lassen, um seinen Gesprächspartner aus der Reserve zu locken. Was aber nicht gelingen will. "Wir haben ganz schlicht den Geschmack vieler Leute getroffen", streut er ein bisschen banal ein, "so etwas gibt es nämlich immer noch". Trotzdem sei auch ihm der eigene Erfolg "ein Stück weit immer noch ein Rätsel." Wie gut, dass Frank Ramond längst keine Werbung in eigener Sache mehr machen muss, er wäre damit unrettbar verloren.

Stattdessen kann sich der Hamburger, vor 44 Jahren in Istanbul geboren, kaum noch vor Anfragen retten. Seitdem er als Texter für Annett Louisan, Ina Müller, Roger Cicero und Barbara Schöneberger seine Klienten nacheinander in die Top Ten der deutschen Charts geschrieben hat, gilt Ramond als nahezu unfehlbarer Karriere-Schmied. Vor drei Wochen ist Roger Ciceros zweites Album "Beziehungsweise" aus dem Stand auf Platz 2 der Media Control Charts eingestiegen, von Ramonds neuem Schützling Barbara Schöneberger, die dieser Tage ihr erstes Musik-Album "Jetzt singt sie auch noch" veröffentlicht, darf man ähnliches erwarten.

Einen wie Frank Ramond hat es in der bundesdeutschen Pop-Geschichte noch nicht gegeben. Dabei lässt ein Blick in seine Kundenkartei, die lange vor Annett Louisan angelegt wurde, nicht wirklich strategisches Geschick vermuten. Für Yvonne Catterfeld und Hamburgs Proll-Barden Lotto King Karl, für Oli P., Christina Stürmer oder Udo Lindenberg hat Ramond Texte verfasst - nicht alles unbedingt Empfehlungen in eigener Sache. Seit er sich jedoch auf die Erarbeitung ganzer Alben mit bis dato unbekannten Künstlern spezialisiert hat, gilt sein Name in den Credits fast schon als Garantie für eine Gold- oder Platin-Trophäe.

"Frank bemüht Klischees, also Altbewährtes", sagt Roger Cicero über den Songwriter, der ihm die meisten seiner Swing-Nummern betextet hat, "und weil Klischees bekanntlich einen langen Weg hinter sich haben, können sich die Leute mit ihnen identifizieren. So nach dem Motto: 'Ach ja, klar, kenn' ich doch auch'". Annett Louisan nimmt die Dinge persönlicher: "Frank hat versucht, meine Geschichte sozusagen aufzusaugen und in andere Worte zu bringen. Beim neuen Album haben wir mehr miteinander kommuniziert, ich kenne inzwischen ein paar Tricks, wie man einen Song aufbaut und Pointen setzt. Die habe ich natürlich von Frank gelernt. Er weiß, wie man einen Text nicht schlagerig klingen lässt und ihm einen Clou verpasst."

Schöneberger: "Ich hätte das gar nicht gekonnt"

Auch jene Künstlerin, deren musikalisches Debüt gerade anstand, kann Ramonds Qualitäten benennen. Barbara Schöneberger dankt Ramond für Tugenden, die ihr bis dato fremd gewesen zu sein scheinen. "Ich habe mich vier Stunden mit ihm zusammen gesetzt, wir haben überlegt: was soll da rein, wie sollen die Texte sein, welches sind meine Themen, was interessiert mich, was nicht. Und er hat's geschafft, das so zu schreiben, als hätte ich's geschrieben. Ich hätte das gar nicht gekonnt. Hätte ich zwar gern, weil ich dann ja auch mehr Geld verdient hätte, aber ich kann's nicht."

Wer die Texte von Louisan, Schöneberger, Cicero und Ina Müller miteinander vergleicht, wird zu dem erstaunlichen Ergebnis gelangen, dass es Ramond gelungen ist, jeden seiner Schützlinge genau das singen zu lassen, was der jeweiligen Person exakt zu entsprechen scheint. Ob Louisan alte Chanson-Traditionen und Cicero eher den modern Swing benutzt, ob Moderatorin Müller auf ihre norddeutsche Reputation als Mädchen von nebenan baut oder Schöneberger das Revue-Kabarett der zwanziger Jahre zur Inspiration erklärt, Ramonds Texte dienen sich offenbar lange vernachlässigten Bedürfnissen an und wirken dennoch originär.

Man könnte das natürlich anders sagen und müsste sich auch dafür nicht weit von der Wahrheit entfernen: Ramond schreibt genau die Art Verse, auf die sich ein gutbürgerliches Auditorium verständigen kann, weil sie ihm das angenehme Gefühl vermitteln, ein bisschen mehr Anspruch in ihren Wohnstuben beim Glas Rotwein oder Bügeln zuzulassen, als es dem gemeinen Volk angenehm ist. Vor allem aber darf sich der Zuhörer bei den Liedern Frank Ramond als das fühlen, was ihn sonst aus dem Pop-Kontext schnell hinaus befördert: erwachsen. Und letztlich feiern mit Ramonds Texten auch einige lange vergessene Zutaten deutschen Liedgutes eine Renaissance, Ironie und Konjunktiv seien hier nur als Beispiele genannt.

"Schläfer, schönes Wort!"

Heinz Canibol, auf dessen Label 105 Music Annett Louisan und Ina Müller veröffentlicht werden, nannte einst seinen - Ramond-freien - Schützling Stefan Gwildis "einen Künstler, der potenziell eine halbe Million Käufer ansprechen könnte. In unserer heutigen Medienlandschaft aber, die sich total der jugendlichen Klientel andient, muss ich jedem Interessenten die Platte persönlich ins Haus bringen." Gleiches gilt für Louisan & Co. Sämtliche Fans der Ramond-Kunden fallen konsequent aus dem Raster der Marketing-Experten, sind über 25 Jahre alt oder gern auch mal über 45, kaufen aber CDs. Und zwar am liebsten solche mit richtigem Cover und Booklet, in dem sie die Zeilen ihrer Stars beim Hören mitlesen können.

Die von Canibol verortete, von den Marktforschern allerdings bis heute nicht als nicht relevant eingestufte Kundschaft könnte durchaus das Überleben des physischen Tonträgers über seine von Branchen-Experten prognostizierte Lebenszeit hinaus garantieren.

Roger Cicero, 37 Jahre alt, ist sich seiner speziellen Kunden durchaus bewusst, die man im Marketingsprech gern als 'Sleeper' bezeichnet. "Schläfer, schönes Wort! Aber ich konnte mir das lange Zeit gar nicht so vorstellen, dass diese Leute sich vorher nicht für Platten und Konzerte interessiert haben und nun auf einmal kommen. Aber in meinem Gästebuch gibt es durchaus Einträge von Fans, die schreiben, sie hätten sich seit Jahren wieder mal ein Album gekauft, nämlich meines. Es scheint also doch was Wahres dran zu sein."

Säßen jetzt Louisan, Müller und Schöneberger mit am Tisch, sie würden vermutlich stumm und wissend nicken. Frank Ramond selbst ordnet seine Erfolge in noch größere Zusammenhänge ein: "Mit zunehmender Globalisierung, wie ausgelatscht der Begriff auch sein mag, haben die Leute ein größeres Bedürfnis nach Identität. Nach Songs also, die aus ihrem privaten Leben erzählen und nicht aus den Straßen New Yorks." Mal sehen, wen Frank Ramond als nächstes mit schönen Textzeilen beglücken wird. Für Platin wird es allemal reichen.