"Idomeneo"-Oper Bombenstimmung in Berlin
Berlin - Poseidon mit Stofffisch über der Schulter? Wo ist eigentlich Wolfgang Joop, wenn man ihn braucht? Der hätte den mythischen Wassermann nicht so trocken abgefertigt wie Reinhard von der Thannen, der Kostümbildner der Deutschen Oper. Dabei ist der antike Ozeangott doch der Buhmann der "Idomeneo"-Inszenierung, die gestern, nach monatelanger Absetzung, in der Deutschen Oper in Berlin über die Bühne ging. Ein cooleres Outfit hätte man ihm schon gewünscht.
Stattdessen kommt er nicht wie ein großer Fisch im Mythentümpel, sondern wie ein Komparse aus "Apokalypto" daher. Rastamähne, Lendenschurz, das Ganze in leicht fauligem Unterwassergrün: So einer also hat Idomeneo, den Helden aus Mozarts gleichnamiger Oper, derart auf die Palme gebracht, dass am Ende die Köpfe rollen.
Die Geschichte ist hinreichend kolportiert: Der Kreter-König gerät in einen Sturm, verspricht Poseidon, den ersten Menschen zu opfern, der ihm nach seiner Ankunft in der Heimat begegnet. Ausgerechnet Sohnemann Idamante taucht als erster auf; es folgen: Dramatisches Hin und Her zwischen Götterhörigkeit und Auflehnung bei knappem Punktsieg für die menschliche Selbstermächtigung im Finale.
Weil es Regisseur Hans Neuenfels nicht genug war, Poseidon als Dschungelcamp-Bewohner bloßzustellen, wurde der an sich zivile Plot zum Politikum. Neben Neptun treten auch Jesus, Buddha und Mohammed auf, der bereits als Karikatur die Laune dänischer Feuilletonchefs nachhaltig vermiesen konnte. Am Ende präsentiert Idomeneo, obwohl von Poseidon begnadigt, die abgeschlagenen Köpfe der Religionshüter.
"Das geht zu weit", ließen vor dem ursprünglichen Aufführungstermin neben Islamratsmitgliedern auch ein paar fundamentalchristliche Eiferer verlauten. Tenor: Die Kunst darf viel, aber nicht alles. Und ein kopfloser Jesus ist selbst für die westliche Wertegemeinschaft nicht tragbar.
Entrüstungsstürme im Wasserglas
Bei der gestrigen Aufführung wurde jedoch klar, was der Skandal tatsächlich ist: ein Sturm im medialen Wasserglas, kein Orkan im kulturellen Welt- und Wertgefüge. Zwar suggerierten Polizeieinheiten und Metalldetektoren eine Gefahrenlage auf mindestens terroristischem Gewaltniveau - hinter den elektronischen Toren aber, die zu durchschreiten fast so lange wie das Durchsitzen der Oper dauerte (gefühlte Zeit), herrschte gelassene Premierenlaune.
"Sind doch alle Religionen in gleicher Weise betroffen", winkte Rita Engelmann ab. Die 83-jährige Berlinerin ist Stammgast in der Deutschen Oper und hatte auch gestern Abend nur das Übliche erlebt: "Schöne Musik, gute Stimmen." Durchaus zutreffend: Die Sänger, vor allem die weiblichen, waren exzellent; das Werk, obwohl nicht die stärkste der Mozart-Opern, doch immer noch musikgeschichtlich bedeutsam und vor allem wunderbar unterhaltsam.
"Gekränkt?", fragte Kenan Kolat, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, amüsiert. "Das ist doch alles sehr übertrieben worden." Nein, von Kränkung könne keine Rede sein; die Botschaft sei eher eine Kritik an der Strenge der Religionen insgesamt.
Worin diese Strenge nun genau besteht, lässt sich aus Neuenfels Inszenierung zwar nicht genau ermitteln, als Arbeits- und Auslegungshypothese taugt sie aber allemal. Auf der Bühne machen Buddha, gold angesprüht wie eine Weihnachtsnuss, Jesus, im Hippie-Kreuzritter-Outfit, und Mohammed, eine Art Vadder Abraham mit Mini-Tschador eine eher armselige Figur. Dies also sollen die metaphysischen Unterdrücker der Aufklärung sein? Dem blassen Poseidon hätte man eher einen Sonderurlaub im Whirlpool gegönnt als eine Enthauptung.
Inszenierung ohne Köpfchen
Viel Lärm um nichts also, wie Seyran Ates kommentierte. "Die letzten Sekunden haben die Diskussion über die Oper völlig zu Unrecht dominiert", sagte die Islamkritikerin. Es stimmt: Die anderen, viel bedeutsameren Themen des Stücks - Krieg, Heimatverlust, Vater-Sohn-Konflikte - sind untergegangen wie weiland die Trojaner.
Tatsächlich waren die meisten gestern in Bombenlaune angerückt: die Gymnasiasten, die vor der Garderobe unkten, man würde hoffentlich nicht in die Luft gesprengt werden; der Jungschauspieler, der betonte, er wolle neben dem Notausgang sitzen; der Polizeibeamte, der mit Clint-Eastwood-Miene erklärte, "so was" könne in Zukunft öfter passieren.
Mit "so was" war der vorauseilende Gehorsam gemeint, mit dem die Oper vorerst abgesetzt worden war und der genau jenen in die Hände gespielt hatte, die man doch eigentlich kritisieren wollte: den Radikalen, die die Trennung von Staat und Kirche, Kunst und Leben zum Sakrileg erklären. Ein Blick auf die Bühne musste aber selbst sie enttäuschen: Da waren nur ein paar exzellente Sänger und ansonsten eilfertiges Kulissenschieben. Und im Finale die vier abgeschlagenen Häupter, die allenthalben als selbstreflexiver Kommentar durchgehen konnten: Schaut her, wie kopflos man Mozart inszenieren kann.
Wenn einer gekränkt sein sollte, dann höchstens die Graecisten: Poseidon, der tollste Hecht unter den griechischen Göttern, mit Zierfisch aus Schaumgummi. Ein Fall für Wolfgang Joop. Der aber war nicht gekommen.